Sprechenlernen


Am deutlichsten fällt in die Augen, dass das Kind die Sprachlaute seiner Mutter und seiner übrigen Umgebung nachahmt und allmählich dazu gebracht wird, mit dem Schall dieser Laute Vorstellungen von bestimmten Dingen zu verbinden. Das Sprechenlernen geht langsam vor sich, so lange das Kind eben bei jedem einzelnen Sprachlaut besonders die Entdeckung machen muß, dass er einem Dinge entspreche. Und wer weiß, ob so ein Kind in dieser Lebenszeit nicht ein scholastischer Realist ist, an die Wirklichkeit platonischer Ideen glaubt, das heißt sich vorstellt, der Name Kuchen z. B. sei eine Art Gott, der ihm die leibliche Berührung mit dem süßen Ding Kuchen gestattet oder ermöglicht. Es kommt dann zu einer Revolution im Kindergehirn. Das Kind hat erfahren, dass die hörbaren Töne aus dem Munde der Mutter immer ein Ding bedeuten; es fängt an, mit Bewußtsein und schnell sprechen zu lernen.

Man sagt so obenhin, und wir haben es eben auch obenhin nachgesprochen, dass das Kind die gehörten Sprachlaute nachahme. In dieser außerordentlich komplizierten Leistung, nämlich auf Anregung von gehörten Sprachlauten die eigenen Sprachorgane so in Tätigkeit zu versetzen, dass sie ähnliche Schallwellen erzeugen, in dieser Leistung liegt eine geheimnisvoll reiche Erbschaft, die zum mindesten den Fähigkeiten des neugeborenen Hühnchens entspricht, sofort in geeigneter Weise zu laufen und zu picken. Es ist nicht anders möglich, als dass nicht nur die Gehör- und die Sprachorgane mit den unzugänglichsten Feinheiten ihrer Konstruktion ererbt sind, sondern auch die Anlagen zu den Nervenbahnen zwischen Gehör- und Sprachwerkzeugen. Wie der gleiche Baum, seitdem seine Art auf der Erde besteht, immer die ähnliche Blattform bildet, so formt die Menschenart mit ihren Sprachwerkzeugen die ähnlichen Laute. Damit ist aber noch nicht an die Frage herangetreten, wie das Kind sprechen lerne, wie es in den sprachlichen Verband seines Volkes eintrete, wie es zuerst die gemeinsamen Vorstellungen mit gemeinsamen Sprachzeichen verbinde.

Es lernt von der Mutter die Sprachlaute zugleich mit den Vorstellungen, die sie bezeichnen. Sehr schön. Das könnte in jeder Fibel stehen. Wie kann es aber diese Verbindung von Sprachlauten und Vorstellungen begreifen, da es doch sprechen lernen muß, ohne vorher sprechen zu können, ohne vorher auch nur die dunkelste Ahnung zu haben, dass die Sprachlaute der Mutter mehr bedeuten als das Summen einer Fliege? Das Kind lernt also wirklich ganz und gar von Anfang an sprechen, ganz genau so, wie nicht etwa der Urmensch, sondern wie das Urtier sprechen lernte, bevor irgend ein Wesen sprechen konnte.


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