Spracherfindung der Kinder


Bekanntlich berichtet schon Herodot, dass ein ägyptischer König einmal in sehr kindlicher Weise das Experiment angestellt habe: welche Sprache lernen Kinder, die man ohne andere sprechende Menschen aufwachsen läßt. Man hat kaum schon bemerkt, dass ein Vorgang, der diesem Experiment entspricht, in jeder Kinderstube täglich beobachtet werden kann. Wer immer Kinder beobachtet hat, wird schon gehört haben, dass sie irgend einen Zufallslaut mit einer Vorstellung verbinden, dass sie sich ihre eigene Sprache zu erfinden suchen. Ich denke da nicht an diejenige Kindersprache, welche die Worte der Muttersprache falsch nachahmt und in der falschen Artikulation festhält, weil die Umgebung sich das Kinderwort aneignet. Ich denke an solche Fälle, in denen das neugebildete Wort nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Worte der Erwachsenen hat. So nennt ein Kind von drei Jahren zufällig die Schokolade "Kellerelle" und die Familie und bald der ganze Bekanntenkreis sagt für Schokolade Rellerelle. Trotzdem aber so die instinktive Liebe der Eltern und das Spiel der Freunde sich bemüht, solche neuerfundene Zufallsworte festzuhalten und sie auch wirklich oft für einige Jahre zu Bestandteilen einer Gruppensprache werden, müssen sie am Ende wieder verschwinden. Sie sind der weiteren Gruppe der Stadt- und Landgenossen nicht verständlich und werden darum in dem großen Prozeß der Sprachbildung unbarmherzig ausgeschieden wie auch im übrigen Verkehr zwischen den Menschen die Tendenz besteht, alles Charakteristische und Individuelle zu unterdrücken zum Besten der gemeinen Allgemeinheit. Und jedermann kann gelegentlich sehen, dass in diesem Prozeß das heranwachsende Kind gegen seine eigene Individualität Partei ergreift. Es will sprechen wie alle anderen, sowie es später wird Kleider tragen wollen wie alle anderen. Während noch die Eltern und die Freunde von Kellerelle sprechen, hat bereits der dreijährige Fratz bemerkt, dass die Großen untereinander das Ding anders nennen; und so kommt es bald vor, dass der Fratz zum Schulmeister wird und den eigenen Vater verbessert. "Nicht Rellerelle — Lade (für Schokolade) sagen." Das Kind selbst gewöhnt den Eltern die individuelle, neu erfundene Sprache ab. Wir können voraussetzen, dass die Entwicklung ganz anders verliefe, wenn irgendwo auf einer wüsten Insel eine Mutter ein Kind zur Welt brächte, und mit ihm allein weiter lebte. Dann würden gewiß die Erfindungen des Kindes eine solche Macht behalten, dass die Gemeinsprache zwischen diesen beiden Menschen zum guten Teil aus neu geprägten Kinderworten bestünde. Doch auch dieses Experiment ist noch nicht gemacht worden.

So flüchtig also auch die Wirkungen sind, welche die eigenen Erfindungen der Kinder auf eine Volkssprache haben, so können sie doch dazu benützt werden, die Entstehung der Sprache in der Urzeit zu erklären. Ist doch auch die andere wichtige Erscheinung der Kindersprache, die ich hier ausdrücklich beiseite gelassen habe, nämlich die Unvollständigkeit und Falschheit der Artikulation sowie die falsche Analogiebildung (trinkte anstatt trank), ist doch alle die Umbildung der Sprache aus Faulheit, Ungeübtheit, kurz aus Bequemlichkeit, vorbildlich für diese Entwicklung der Sprache, die unter dem Begriff des Lautwandels zusammengefaßt wird. Viel tiefer noch können wir in das Geheimnis der psychologischen Entstehung der Sprache hineinblicken, wenn wir die Erfindung solcher Zufallsworte der Kindersprache genau analysieren. Ich will mich dabei an das Kindertagebuch halten, welches Preyer unter dem stolzen Namen "Die Seele des Kindes" (4. Auflage) herausgegeben hat; seine Beobachtungen sind oft falsch gedeutet, aber sie haben für mich den objektiven Wert, dass sie nicht in meinem Sinne angestellt worden sind. Will doch Preyer immer wieder beweisen, dass es ein Denken vor dem Sprechen gebe. Er war ein schlechter Philosoph und ein schlechter Psychologe; aber er hatte gewissenhaft (von der Mutter unterstützt) drei Jahre lang an seinem Kinde Tatsachen gesammelt.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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