Artikulation


Es ist auf den vorausgegangenen Seiten oft von der Artikulation die Rede gewesen; man lese bei Sievers (Phonetik, 4. Aufl.. S. 21) die hilflose Definition des Begriffes nach.

Es ist eine landläufige Wahrheit oder eine Redensart, dass der Mensch eine artikulierte Sprache besitze, dass sie sich durch ihre Artikulation von der Tiersprache — wenn man eine solche überhaupt zugibt — unterscheide. Das Wort "artikuliert" ist verdächtig; denn es ist ein Lehnwort und schon im Lateinischen dem griechischen arthron des Aristoteles nachgebildet. Dort heißt es so viel wie "gegliedert"; der Grieche nennt die menschliche Sprache gegliedert, weil in ihr sich jedes Wort in Silben und Laute gliedern lasse.

Nun brauche ich nicht erst auf die in vielen Sprachen vorkommenden ungegliederten Worte hinzuweisen, die eben nur aus einem alleinigen Vokal bestehen — a (ha), à (zu) im Französischen, eh' im Deutschen, i (geh) im Lateinischen, owe (schulden) im Englischen, ou (oder) im Französischen —, um zu beweisen, dass die Gliederung nicht zum Wesen der Worte gehört. Aristoteles hat auch Wörtchen wie "der, die, das (ein, eine)" für Gliederungsteile des Satzes gehalten, Arthron genannt, Artikel, und nicht gewußt, dass lange nicht alle Sprachen solche Redeteile besitzen.

Selbst wenn alle Worte gegliedert wären, so wären sie es doch nur für das ordnende Ohr des Sprachbeobachters, nicht an sich; die Gliederung ist doch erst von uns nachträglich in die Sprache hineingedacht. Was dieser Gliederung in ihr entspricht, das ist die Tatsache, dass die Worte aus einer Anzahl von (ungefähr) gleich tönenden Klängen zusammengesetzt sind, den sogenannten Lauten, und dass jeder dieser Laute (nicht durch eine besondere, sondern) in einer besonderen Stellung der Sprachorgane hervorgebracht wird. Die Worte sind Zeichen, welche sich an die Bewegungserinnerungen solcher Organstellungen knüpfen.

Nun bellt aber doch auch der Hund nur, wenn er bellen will. Er hat also wie der Mensch eine Erinnerung an die Bewegungsvorstellung seines Bellens. Und da er, wie jeder Hundefreund weiß, einige Arten des Bellens hat und jede Art nach seinem Willen hervorbringen kann, so ist kein Zweifel, dass er Erinnerungsbilder verschiedener Sprachorganbewegungen, dass er an ihnen Zeichen, dass er also Worte besitzt. Und wollen wir anstatt von einer artikulierten Rede strenger von artikulierten Lauten sprechen, so werden wir bald erfahren, dass Tierlaute ebenso artikuliert sind wie Menschenlaute.

Gewiß ist der Unterschied groß im Reichtum der beiden Gehirne an Nervenfasern und dem entsprechend im Reichtum der Sprachorgane an Beweglichkeit und wieder dem entsprechend an Zeichen; aber der Unterschied besteht nur in der Höhe des Reichtums, nicht im Wesen der Ausdrucksmittel.

Auf der falschen Auffassung, dass die Artikulation nach Silben und Lauten in den Worten wirklich stecke, ruht (wie auf einigen andern Irrtümern) die alte entsetzliche Buchstabiermethode. Da sollte so ein armes Kind begreifen: "de" und "a" gäben zusammen "da". Denn es wurde ihm ja gelehrt, der Buchstabe "d" heiße "de". Das Kind hatte ganz recht, wenn es "dea" buchstabierte. Die neue Lautierungsmethode ist ganz gewiß weit vorzuziehen. Vielleicht aber versucht es einmal ein kecker Schulmeister so, wie ich es vorschlagen möchte: dass er nämlich die Kinder so lesen und schreiben lehrt, wie sie sprechen lernen, in ganzen Worten oder Silben. Die ganze Artikulation der Sprache würde sich dann für den praktischen Gebrauch als fast überflüssig herausstellen; ihr wissenschaftlicher Wert ist nicht größer und nicht kleiner als die Zurückführung unseres Gehens auf Hebel-und Fallgesetze. Das Kind lernt sprechen und gehen, ohne das Wort oder den Schritt zu artikulieren.


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