"Vitrier"


Ein lehrreiches Beispiel dafür, wie unvollständig wir hören, erlebte ich einmal in Nizza. Ich ging im Jardin public in deutschen Gedanken verloren umher. Dabei glaubte ich von Zeit zu Zeit den Berliner Straßenruf zu hören: "Fliegenstöcker". Die Gedankenassoziationen bringen mich auf das von Liberalen oft gehörte Wort "Lügenstöcker" und auf die jüngsten Huldigungen für Bismarck. Plötzlich weckt mich ein französisches Wort, das ein Zeitungsausrufer neben mir schreit. Ich blicke auf, sehe wo ich bin und weiß sofort: ich kann hier in Frankreich unmöglich "Fliegenstöcker" rufen gehört haben. Nun lausche ich aufmerksam darauf, was wohl so ähnlich geklungen haben mag. Wieder ertönt der Ruf. Ich glaube jetzt schon undeutlicher etwas zu vernehmen, was wie "Fliegenstöcker" klingt; aber nur ähnlich. Wieder ertönt's. Jetzt unterscheide ich nur noch eine musikalische Tonfolge von drei bis vier Silben und in der ersten Silbe ein langgezogenes i. Ich übe mich nun darin, nach meinem Belieben "Fliegenstöcker", "Niederwald" oder "Mittagessen" in den Ruf hinein zu hören. Das gelingt mir vollkommen. Heraushören kann ich aber kein französisches Wort. Nun gehe ich dem Schalle nach in eine Nebenstraße. So wie ich den Mann erblickt habe, einen "fliegenden" Glaser, deute und höre ich sofort den richtigen Ruf: "au vitrier".

Ich habe selbst nie einen Fall beobachtet, aus dem man besser lernen könnte, wie wir gewöhnlich hören. Alles ist ein à peu pres. Wir raten. Vielleicht erhalten wir sogar beim Hören noch weniger Laute zur Kenntnis als Buchstaben beim Lesen. Die Assoziation der Vorstellungen, also unsere Gewohnheit, leistet die Hauptarbeit. Im Verlaufe eines längeren Gespräches oder Geschwätzes verstehen wir jedes Wort des andern. Bei seinem plötzlichen Anruf aber, besonders in einer fremden Sprache, sind wir ratlos, wir haben noch keinen Assoziationskern.

Im Jahre 1870 rief mir bei Ausbruch des Krieges jemand über die Straße zu: "Je pars ce soir." Ich hatte den Franzosen nicht gleich erkannt, wußte also nicht, dass er französisch sprach, und stand ganz verdutzt, da ich deutsche Töne zu vernehmen glaubte, die ich nicht verstand. Ebenso ging es mir in Nizza noch vor dem Sprachabenteuer mit dem fliegenden Glaser. Wenn nebenan nizzardisch geplappert wurde, störte es mich nicht; ich nahm es oft für ein Deutsch, dessen Sinn mir entging und das sich mir deshalb nicht assoziierte.

Ein anderes Beispiel dafür, wie wir falsch Gerufenes "richtig" hören, das heißt so, wie wir es gewohnt sind, ist mir aus meiner Kinderzeit geläufig. Der Gruß in Böhmen lautete (wenigstens damals): Gelobt sei Jesus Christus! Der Gegengruß: In Ewigkeit Amen. Tschechisch: Na veky ámen. Da machten sich denn freigeistige tschechische Bursche den Spaß, den Gruß mit: Na velky kamen! zu beantworten. Was ganz sinnlos ist; wörtlich: auf den großen Stein. Der Grüßende hörte aber stets die korrekte Antwort "Na veky amen", sobald nur der Tonfall oder die Tonlosigkeit der Gewohnheit entsprach. Auch diese Erinnerung wurde mir nachher durch das sprachwissenschaftliche Abenteuer von Nizza erneuert.

Wir stehen, wenn wir diesen "vitrier"- R u f untersuchen, abermals vor der Frage: wie können Worte einen Gedanken ausdrücken, wenn der Gedanke erst das Wort verständlich macht? Geht wirklich der Satz voraus oder doch das Wort?

Der Mann, der zuerst die Sprache in Laute zerlegte (es muß das natürlich vor der Erfindung einer Schrift geschehen sein, da sie darauf beruht), muß ein gräßliches Genie von ungewöhnlicher Geisteskraft gewesen sein. Ich weiß bestimmt, dass es mir nie ohne Hilfe der Augen gelungen wäre, den Ruf "vitrier" lautweise zu artikulieren. So ging es, geht es mir eben auch mit vielen deutschen Straßenrufen, bevor ich den Wortlaut nicht anderweitig (Schriftdeutsch) erfahren habe. "Sand kôpt! witten Sand kôpt!" habe ich in Berlin monatelang nicht gehört, weil ich es nicht verstand. Dahin gehört auch, dass wir (wir Büchermenschen wenigstens) oft fragen: "wie wird das geschrieben?" ... wenn wir ein neues Wort einer fremden Sprache zum erstenmal hören. Haben wir die einzelnen Laute gefaßt, können wir es besser nachartikulieren. Und doch hatten wir die gleichen Laute gehört.

So nun, und darum die Beispiele, muß es vor der Sprach-analysierung in Laute oder Buchstaben jedem Menschen mit seiner eigenen Sprache ergangen sein. Man muß sich das recht klar machen, um die Revolution zu begreifen, welche die Erfindung der Lautzeichen oder schon die Entdeckung der Laute in der menschlichen Sprache hat anrichten müssen. Es gab vorher, das heißt lange vorher, zu irgend einer Zeit — fortgehende Sprache ohne Teilung in Worte und Laute. Die Teilung mußte der Anfang sein zu einer pedantischen, geschäftlichen, ledernen Behandlung der Sprache, zu einer Entartung des Lebendigen in ihr. Ganz lebendig ist eigentlich nur eine Sprache, die nicht bewußt artikuliert wird. Hätte der Kuckuck das Bewußtsein seines Rufes, hätte er ihn selbst in den Konsonanten k und den Vokal u zerlegt, er würde am Ende wirklich Kuckuck rufen, wie die Menschen schließlich grammatikalisch sprechen gelernt haben, weil sie eine Grammatik besaßen.

Denn die Urgrammatik, das heißt die Kunst, Sätze in Worte zu zerlegen, ist ähnliche Unnatur wie das Lautieren. Darum sind der lebendigen Sprache Grammatik (oder Logik) und Schrift (und gar Buchdruck) gleicherweise gefährlich. Was ist, das ist die Wirklichkeitswelt. Worte sind die Triangu-lierungspunkte, Ortzeichen in dieser Welt. Sätze allein können Gegenstand der Mitteilung sein, niemals Worte. Worte sind wertlos, wie ja auch Triangulierungspunkte dadurch, dass man ihre Zahl vermehrt, das Land nicht vergrößern. Die Logik, welche Sätze aus Worten zusammensetzt, anstatt höchstens die Bedeutung der Worte aus Sätzen zu erschließen, ist die unsinnigste und gefährlichste Form der Grammatik.

Im Anfang war der Satz.


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