Art- oder Gradunterschied


Und wieder stehe ich vor der Schwierigkeit, Übersprachliches mit Worten auszudrücken. Denn der Kernpunkt der Frage nach dem Unterschiede (zwischen Tier- und Menschenseele oder -sprache) ist doch der: besteht zwischen beiden ein Art- oder "nur ein Gradunterschied"? Was ist ein Artunterschied?

Der Gedanke hat natürlich dieselbe Geschichte wie das Wort "Art" (eidos, Spezies). Es wurde zwei Jahrtausende lang scheinbar sehr scholastisch, in Wirklichkeit aber ganz undefinierbar, also sinnlos gebraucht. Erst Ray (1703) und nach ihm der nüchterne Linné definierten die Art als das, was das Wort denn auch bald darauf nicht mehr hieß. Denn eben die Fixierung des Begriffes hatte zur Folge, dass man ihn untersuchen konnte und als mangelhaft erkannte. Sofort nach der Definition der Arten durch Linné begann die Strömung, die schließlich in unseren Tagen Darwinismus heißt und den alten Artbegriff über den Haufen geworfen hat. Bei Linné hieß eine Art diejenige Gruppe ähnlicher Tiere oder Pflanzen, von der man nach Konstanz, Zeugungsfähigkeit usw. annahm, dass Gott sie ursprünglich geschaffen habe. Hätte der Verfasser der Genesis ein System der Botanik mit aufgenommen, Linné hätte es gelten lassen müssen.

Aber selbst Linné mußte das Urteil darüber, welche Arten Gott geschaffen haben möge, nach seinen eigenen Kenntnissen fällen. Was heißt das? Art ist, was ich nach meiner Sachkenntnis mit einem besonderen Namen belege.

Schön. Art ist also, was einen besonderen Begriff ausmacht, was ein besonderes Wort "verdient". Die Worte aber entstehen und vergehen mit unserer wachsenden Kenntnis, deren Zeichen sie doch nur sind. Art ist Wort. Artunterschied ist Wortunterschied.

Gradunterschied ist noch weniger, also nicht einmal Wortunterschied. Man nennt ja eben Grade diejenigen leisen Übergänge, für die man keine besonderen Worte hat, weil man noch keine braucht. Null Grad ist gewiß Kälte, hundert Grad ist gewiß Hitze. Dazwischen liegen noch einige Arten oder Worte wie lau, warm. Aber die Vorgänge werden in Graden ausgedrückt, in Schritten; Grade sind unbenannte, ungezählte Schritte zwischen benannten Stationen.

Auf der Skala des Thermometers freilich werden die Grade gezählt, benannt. Die Skala ist ein Versuch, Gradunterschiede in Artunterschiede zu verwandeln. Nur dass die Ziffern der Grade doch weniger als Worte sind.

So wie es nun oft keine sichere Artbegrenzung zwischen Tiergruppen gibt, so — und oft in noch höherem "Grade" — gibt es oft keine Artbegrenzung zwischen tiefer und höher entwickelten Organen. Wer kann sagen, in welchem Moment der Entwicklung der Pigmentfleck an gewissen niederen Tieren oder am Embryo unter den Begriff "Auge" fällt. Und wer kann sagen, wann der Begriff oder das Wort Seele auf die Tätigkeit des Gehirns anwendbar ist, ja wann das Nervenganze des Tierindividuums die Bezeichnung "Gehirn" verlangt? Nur einer könnte es sagen. Wer die Sprache erfunden hätte. Also keiner.

Was soll nun gegenüber diesem Standpunkt, dass nämlich also der Streit um Tier- und Menschenseele oder -spräche ein potenzierter Wortstreit ist, was soll dem gegenüber das Geschwätz: der Hund habe zwar feinere Sinne als der Mensch, aber er nehme mit ihnen nicht seelisch wahr; das Tier könne nicht sprechen, weil es nichts zu sagen habe; das Tier kenne zwar Treue, Rache usw., aber nicht theoretisch (sic; Steinthal, Abr. d. Sprachw. I, 346). Das Tier rieche und schmecke, der Mensch "unterscheide" Wohlgeruch und Wohlgeschmack. Erkennt etwa der Hund seinen Herrn mit seinen äußeren Augen und nicht mit dem Gehirn? Muß er also nicht im Gehirn ein Zeichen haben für "Herr"? ein Hundewort? Sagt ein Hund, wenn er bellend mitteilt, er habe Hunger, weniger als ein Kind? Kennt der Kerl, der seinen Herrn im Zorn niederschlägt, die Rache theoretisch? Unterscheidet der Hund etwa nicht zwischen guter und schlechter, d. h. doch ihm wohlschmeckender und unangenehmer Nahrung?

Was soll also das Geschwätz darüber, ob der Mensch, bevor er sprach, Mensch oder Tier war? Die Worte "Mensch" und Tier werden ja eben danach so oder so gebraucht werden, je nachdem die Geburtshelfer der Sprache, die Gelehrten, sich so oder so entscheiden. Nicht umgekehrt. Aber der Geburtshelfer hat doch das Kind nicht immer erzeugt, das er mit der Zange herauszieht.

Dass aber bei dem schimpflichen Geschimpfe gegen eine Tierseele oder Tiersprache nicht die Beobachtung der Wirklichkeitswelt, sondern die Wirkung alter Pfaffenscheu einbläst, das wird man mir wohl zugeben, wenn ich an ein anderes Wort erinnere, das um nichts unterschiedärmer ist als die Sprache, und das dennoch unbefangen von Tieren gebraucht wird, nur weil es weniger als das Gehirn als Sitz einer unsterblichen also göttlichen Seele angesehen wird. Ich meine: die Hand. So wie sich aus Nervenknoten (wenn Darwin recht hat) langsam unser unendlich bewegliches Gehirn entwickelt hat, so wurde aus dem letzten Abteil der vorderen Gliedmaßen endlich die viel bewegliche menschliche Hand. Nun wird das Wort "Hand" neuerdings in den Wissenschaften unbedenklich von dem analogen Stück der Tierextremitäten gebraucht, vom Vorderfuß, der Vorderflosse. Das ist allerdings Dicht allgemeiner Sprachgebrauch. Aber niemand zögert, das Ding mit dem selbständigen Daumen auch bei Affen und Halbaffen eine Hand zu nennen. Und die Jäger sind gar so gottlos, die Vordertatzen des Löwen, ja den Greiffuß des Falken "Hand" zu nennen.

 

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Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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