Mythologie des Hundes


Dass der Hund sogar abstrakt denken könne, hat Darwin einmal selbst beobachtet. Da er von der Neigung der Wilden spricht, natürliche Vorgänge für Werke der Geister auszugeben, erzählt er: "Mein Hund lag an einem heißen ruhigen Tag auf dem Rasen. In einer geringen Entfernung wurde ein offener Sonnenschirm vom leichten Lüftchen zuweilen leise in Bewegung gesetzt, was der Hund unbeachtet gelassen hätte, wenn jemand dabei gestanden hätte. Jetzt aber knurrte und bellte der Hund heftig, so oft sich der Sonnenschirm bewegte. Ich glaube, er muß in einer rapiden und unbewußten Weise sich gedacht haben, dass Bewegung ohne sichtbare Ursache die Anwesenheit irgend einer fremdartigen, lebendigen Kraft bekunde, und dass kein Fremder das Recht habe, sich auf seinem Gebiete aufzuhalten." Die ganze Stelle ist ein gutes Beispiel für die Art, wie menschliche Erkenntnis sich erweitert; ein ungewöhnlicher Mann macht eine neue Beobachtung oder vergleicht vielmehr eine bisher vernachlässigte Tatsache zuerst mit anderen. Aber die Erklärung Darwins verrät doch auch, wie der meistgenannte Begründer der Entwicklungstheorie dennoch durch physiologische Unterschiede verlegen gemacht wurde. Denn es ist ein Verlegenheitswort, wenn er den Hund in einer rapiden und unbewußten Weise "denken" läßt. Darwin kann oder will nicht daran erinnern, dass der Hund ohne unsere Worte denkt, und setzt anstatt Verworrenheit Schnelligkeit, weil Rapidität ebenfalls zur Unklarheit führen kann. Stellen wir uns aber den Begriff, den sich der Hund von der Bewegung des lebendig gewordenen Sonnenschirms macht, stellen wir uns diesen mythologischen Kraftbegriff noch so dunkel vor, er wird nicht dunkler sein, als der Kraftbegriff seinem eigentlichsten Wesen nach einem Newton war. Newton benennt die Kraft mit einem Wort und legt sich ruhig hin; der Hund knurrt sie an, weil er unsere Worte nicht hat.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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