Sprachindustrie


Unaufhörlich jedoch werden abgestorbene Worte und Sprachformen durch lebendige Worte und Formen ersetzt und zwar so reichlich, dass der Zuwachs immer größer ist als der Verlust. Und die Sprache kann, wie gesagt, nicht anders als sparsam sein; sie muß das tote Material immer wieder neu verwenden. Gewöhnlich geht der Prozeß so vor sich, dass ein Wort oder eine Silbe auf einem Gebiete wieder lebt, während der Tod auf einem anderen Gebiete langsam eintritt. Die deutschen Endsilben "lich" (bekanntlich so viel wie Leiche, Körper, Gestalt, gleich, englisch like), "heit" (Geschlecht, Art und Weise) sind solche Hauptworte der toten altdeutschen Sprache, welche als Bildungssilben leben geblieben sind, so wie etwa ein Wurzelsproß neu zu grünen beginnt, während der alte Stamm abstirbt. Nur die stetige Entwicklung täuscht uns darüber, dass hier derselbe Vorgang statthat, wie wenn wir aus der toten lateinischen Sprache (oder indirekt aus der noch toteren griechischen) die Endsilben "ismus" oder "-ianer" herübernehmen und Darwinismus, Wagnerianer bilden. Werden Worte aus toten Sprachen nun gar nicht bloß für die Formen der Beziehungskategorien, sondern für gegenständliche Begriffe herübergenommen, so liegt jedesmal ein Versuch vor, das Bedürfnis der sprachlichen Gegenwart durch die Aufnahme toten Materials zu befriedigen. Und hier ist es, wo die Sprachindustrie untrennbar ist von der gewinnsüchtigen Industrie der Geschäftswelt. Man braucht nur die Schaufenster einer hauptstädtischen Straße aufmerksam zu betrachten, man braucht nur die Inseratenbeilage irgendeines weit verbreiteten Blattes zu lesen und wird Überfluß an Beispielen haben. Ich nehme nur die Inseratenbeilage der letzten Nummer der "Fliegenden Blätter" zur Hand und notiere nach flüchtiger Übersicht folgende Neubildungen, von denen freilich die meisten nicht erst der letzten Woche angehören: Dynamomaschinen, Fleischpepton, Odonta, Sanatorium, Verrophon, Klaviaturschreibmaschinen, Dikatopter, Antiarthrinpillen, Cyclostyle, Lanolin, Patentkoffer, Motorwagen, Reformbett, Blankoplakate, Mineralwasser, Amandine, Kinetograph usw. usw. Man glaubt gewöhnlich, und die industriellen Erfinder der Dinge und der Namen glauben es selbst, dass die Entlehnung aus dem Griechischen oder Lateinischen nur einem Reklamebedürfnisse entspreche. Aber in Wirklichkeit wäre es unmöglich, die tausend und aber tausend neuen Maschinen und Sächelchen, die in unseren Tagen fortwährend auf den Markt geworfen werden, sprachlich auseinanderzuhalten, ohne für jede, noch so leise abgeänderte Form einen besonderen Namen zu erfinden. Oft hilft man sich mit dem Eigennamen des Erfinders oder des Fabrikanten. Aber die Anlehnung an antike Sprachen weckt doch bei den oberen Zehntausend eine Erinnerung, die mit helfen kann, das Wort scheinlebendig zu machen. Es kann dann in Ausnahmsfällen ein glückliches Wort dem bezeichneten Gegenstande zur Verbreitung helfen. Gewöhnlich aber wird das neue Leben des Worts von der Existenzberechtigung des Gegenstandes abhängen. Telegraph, Phonograph, Telephon usw. waren eines Tages ebenso fremd dem Sprachgebrauch und darum so geschmacklos, wie heute etwa Antiarthrinpillen. Sie sind allgemeines Sprachgut geworden, weil das konkrete Ding und sein Begriff sich allgemein verbreiteten. Siegt die neue Erfindung rasch und glänzend, so wirft die Sprache mitunter das tote Sprachmaterial wieder fort und läßt ein lebendiges Wort einen Bedeutungswandel durchmachen; sie setzt "Rad" an Stelle von Veloziped. Oder die Sprache assimiliert das barbarische Wort; der Franzose sagt dann "velo" anstatt Veloziped. In den meisten Fällen jedoch geht das tote Sprachmaterial mit der neuen Erfindung gleichen Schrittes in den Gebrauch über. Trotz dem Bemühen unserer Sprachreiniger werden wir Telegraph und Telephon kaum los werden. Selbst wahrhafte Wortungeheuer verträgt die Sprache mitunter. "Konversationslexikon", worin Material aus zwei toten Sprachen unförmlich zusammengekuppelt worden ist, hat sich vorläufig eingebürgert. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, dass für erleuchtete Springbrunnen, die damals aufkamen und die jetzt Fontaine lumineuse heißen, einige Jahre lang das geradezu entsetzliche Wort Kalospinthechromokrene wirklich gebräuchlich war. Wir brachten als brave Gymnasiasten heraus, dass es griechisch sei, "Schönfunkenfarbenquell" bedeute und eigentlich Kalospintherochromatokrene lauten müßte. Es war aus dem Gebrauch wieder verschwunden, bevor wir noch die erweiterte zehnsilbige Form auswendig gelernt hatten.

Mir kommt es jedoch bei diesen Hinweisen nicht darauf an, den Geschmack der Sprachindustrie zu beurteilen. Nur auf die Hervorhebung einer Tatsache kommt es mir an: dass nämlich gerade die allerlebendigste Gegenwart in ihrer Hast, dem Gedächtnisse der Menschheit neue Erzeugnisse mit neuen Namen einzuprägen, mit der organischen Fortentwicklung der lebendigen Sprache nicht auskommt, dass sie Stoff aus toten Sprachen massenhaft zu Hilfe nimmt; es kommt mir darauf an hervorzuheben, dass dieser Prozeß nicht wesentlich verschieden ist von der erzwungenen Neigung der lebendigen Sprache, ihr eigenes totes Sprachgut in Gestalt von Bildungssilben wieder zu verwerten, wie wir denn Zeugen sind davon, dass das gute Substantiv "Werk" eben in unserem Munde dazu übergeht, z. B. in Stückwerk, Teufelswerk, Mundwerk usw., eine Endsilbe wie schaft, keit und heit, wie -voll zu werden; es kommt mir darauf an, weiter darauf hinzuweisen, wie auch dann, wenn die alten Wortformen erhalten bleiben, dennoch ihre ehemalige Bedeutung der toten Sprache angehören kann und wie dieser Bedeutungswandel im Wandel der menschlichen Weltanschauung langsam aber sicher alle Begriffe der Sprache nacheinander ergreift. Es ist dieses Verhältnis, dass nämlich die neue Sprache zur alten Sprache sich verhält wie eine lebendige zu einer toten, selten deutlich, weil nur in Ausnahmsfällen ein Bruch mit der Vergangenheit stattfindet. Ein klassischer Fall liegt aber in der englischen Sprache vor, die doch nur ein Gemisch von Normannisch und Angelsächsisch ist. Whitney bemerkt übrigens sehr gut, dass die angelsächsische Volkssprache wahrscheinlich unterdrückt worden wäre, wenn die europäische Politik anders gewesen, wenn die Normannen Frankreich und England gemeinsam beherrscht hätten. Das aber bemerkt er nicht, was mir bedeutungsvoll scheint, dass für den heutigen Engländer sowohl Angelsächsisch als Normannisch tote Sprachen sind, trotzdem das heutige Englisch fast durchaus aus angelsächsischem und normannischem Material besteht.


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