Flexionslosigkeit


Wieder möchte ich Kenner der Chinesenseele fragen, ob diese Flexionslosigkeit nicht auf die Schriftlichkeit der Sprache zurückzuführen ist. So nämlich: Die frühe Schriftlichkeit der chinesischen Sprache steht in offenbarem Zusammenhange mit der Einsilbigkeit und der Flexionslosigkeit, die europäische Ohren und Grammatiker dem Chinesischen nachsagen. Unser Wort Vater oder pater wird irgend einmal aus drei Bedeutungssilben bestanden haben, pa-te-r, etwa so viel als schutz-tun-er. Die Etymologie mag im einzelnen falsch sein, das Schema ist wahrscheinlich richtig. Wäre nun dieses Wort schon in alter Zeit schriftlich fixiert gewesen, so hätte man entweder die drei Zeichen schutz-tun-er beibehalten oder vielleicht auch bloß Schutz ausgesprochen und tun-er als Zeichen stehen lassen. Beides würde uns chinesisch vorkommen. Dadurch, dass die nichtchinesischen Sprachen soviel länger mündlich blieben, konnte der Wortakzent, der eigentlich ein Kompositionsakzent oder Satzakzent war, die Wörter umgestalten; die unbetonten Kompositionsteile wurden zu Flexionen. Es ist in dieser Beziehung sehr merkwürdig, dass die romanischen Sprachen, in welchen die volleren lateinischen Flexionen noch mehr verblaßten, sich nach dem Untergange der römischen Kultur in den Jahrhunderten entwickelten, in denen bei ihren Völkern die Schrift eine seltene Kunst war.

Es scheint mir möglich, dass die Stellung der Zeichen, weil sie mit dem Auge auf dem Papier so viel leichter zu übersehen ist, das Verhältnis der Zeichen zueinander Jeichter ausdrücken konnte. Dass in der chinesischen Sprache, auch in der Lautsprache, die Stellung der Silben unsere Flexion ersetzt, ist bekannt. Dass aber auch wir Europäer uns diesem Zustande nähern, ist noch nicht genug beachtet worden. Und doch belehrt uns die oberflächlichste Vergleichung z. B. des Französischen mit dem Lateinischen, dass die Stellung der Satzglieder um so konventioneller wurde und werden mußte, je mehr die alten deutlichen lateinischen Flexionen ihre Form einbüßten. Das gilt im Französischen, verglichen mit dem Lateinischen, für den einfachsten Satz, wie jeder weiß. Die Sache geht aber noch weiter und äußert sich da auch in denjenigen modernen Sprachen, die eine so strenge Wortstellung wie das Französische nicht besitzen. Ein schöner Periodenbau, wie er bei Schülern gelobt wird, ist eigentlich mit voller Klarheit besser durch das Auge als durch das Ohr zu übersehen. Und ein solcher Periodenbau erscheint dem natürlichen Sprachgefühl unwillkürlich als "papierener Stil". Der Erfinder dieses guten Wortes hat sicherlich dabei nicht an die Papiersprache der Chinesen gedacht.

Nun besitzt das Chinesische jedoch auch seine Flexionen im weiteren Sinne und — wie ich mir habe sagen lassen — auch im engeren Sinne; nur dass die Flexionszeichen nicht gesprochen werden, sondern bloß für das Auge da sind. Was ist es denn anderes als Flexion, wenn das Zeichen "alt" zu Wortbildungen führt? Mit dem Zeichen für "Wort" verbunden heißt es Worte der Alten oder Kommentare. Mit dem Zeichen für "Frau" verbunden heißt es Tante. Mit dem Zeichen für "Fleisch" heißt es gedörrtes Fleisch und nachher dörren. Mit dem Zeichen für "Gewächs" heißt es bitteres Kraut und nachher Mühe usw. Wenn die sichtbaren Flexionszeichen nicht ausgesprochen werden, so scheint das der gleiche Vorgang zu sein, wie wenn z. B. im Französischen die alten Flexionszeichen wohl geschrieben, aber nicht mehr gesprochen werden. So dass aime, aimes, aiment ganz gleich klingen. Nur unsere Entfernung von der Chinesenseele kann uns darüber staunen lassen, dass im Chinesischen das eine Wort jéu nicht nur Hand und rechte Hand, sondern auch herausnehmen, Mondfinsternis (weil eine Hand den Mond zu bedecken scheint), danach düstere Gemütsverfassung, Abend, Herbst, Vollendung, Ursache usw. bedeuten kann.


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