Wertschätzung der Sprachen


Mein Vorwurf nun, dass die Abschätzung der Sprachen nach ihrem angeblichen Werte auf ethischen Begriffen beruhen müsse, trifft freilich nicht die bewußte Absicht der Herren Taxatoren, wohl aber ihre naive geistige Tätigkeit. Sie werden leugnen, dass sie den einzelnen Sprachen die moralischen Prädikate gut und schlecht gegeben hätten, sie werden sich hinter die Nützlichkeit flüchten, die die einzelnen Sprachformen angeblich im Gebrauche zeigten; oder sie werden gar ästhetisch zu werden suchen und die Schönheit unserer Flexionen bewundern. Darin aber ist die Schönheit der Nützlichkeit ähnlich, dass beide höchst subjektive Begriffe sind. Man muß ein Krot sein, um eine Kröte schön zu finden. Und wenn außer der Tigerin auch der Mensch den Tiger schön nennt, so ist das ein Zufall. Nützlichkeit und Schönheit einer Sprache ist einzig und allein von innen heraus zu begreifen, wenn die beiden Eigenschaften nicht gar auch dann noch Selbsttäuschungen sind. Man braucht nur aus der Art zu schlagen, um plötzlich Formen der eigenen Muttersprache zu tadeln, die die Gewohnheit der Volksgenossen sehr nützlich und sehr schön findet. So findet der Mann die Form der weiblichen Brust schön, und ich bin darin nicht aus der Art geschlagen; ich kann mir aber denken, dass die Ästhetik eines schlanken Hechtes oder eines schlanken Engels dieselbe Form unschön findet und unnütz dazu, wenn er den Begriff der Säugetiere nicht versteht. Aus Nützlichkeit und Schönheit braut sich aber am Ende die Wertschätzung zusammen, die schließlich moralisch und unklar zu den Begriffen "besser" oder "schlechter" führt.

Bei Bayle (Art. Charles V, Anm. D) findet man einige Scherze über die Schönheit der damaligen Kultursprachen. Bekannt ist daraus die angebliche Äußerung Karls, er spreche mit den Damen italienisch, mit Männern französisch, mit Pferden deutsch, mit Gott spanisch. (Variante: deutsch ist für Soldaten, französisch für die Frauen, italienisch für die Fürsten, spanisch für Gott.) Recht hübsch ist die Antwort eines deutschen Gelehrten, der am Hofe von Polen von einem Spanier damit geneckt wird, man donnere, wenn man deutsch spreche, und Gott habe sich sicherlich der deutschen Sprache bedient, als er Adam und Eva zum Paradiese hinausjagte; er erwiderte: "Und die Schlange redete die süße spanische Sprache, als sie Eva betrog." Hübsch ist auch die Variante dieses Scherzes: Gott sprach spanisch, als er dem ersten Menschen die Frucht des einen Baumes verbot, die Schlange überredete Eva auf italienisch, und Adam sprach französisch, um sich herauszureden. Wollen wir uns wirklich solche Neckereien und die ihnen ebenbürtigen Nützlichkeitsschätzungen als Wissenschaft aufschwatzen lassen?

Dazu kommt nun aber, dass wir, wenn wir der eigenen Muttersprache und ihren nächsten Anverwandten so urteilslos gegenüberstehen, für die sogenannten wilden Sprachen durchaus gar keinen Maßstab haben. Wir verstehen ihre innere Sprachform nicht, könnte ich in dem gelehrten Jargon sagen, den ich bekämpfe. Die schönsten Blüten unserer eignen Sprachformen finden sich bei tief verachteten Sprachen, ohne dass wir begreifen könnten, wie sie dort auf das Sprachgefühl wirken.

Die Kongruenz zwischen Substantiv und Adjektiv usw., zwischen Subjekt und Prädikat usw., die den Stolz des Lateinlehrers ausmacht und die doch von den modernen legitimen und illegitimen Nachkommen des Latein, besonders dem Englischen, mehr und mehr fallen gelassen wird, findet sich prächtig in den Negersprachen der Bantu. Es wird nämlich das Substantiv je nach seiner Klasse (es gibt deren acht bis fünfzehn) durch eine bis zwei Vorsilben gekennzeichnet, und diese Vorsilben stehen dann, wie die Livree einer Herrschaft, vor dem Prädikat oder Attribut, das sich auf das Substantiv bezieht. Ferner: die poetische Unterscheidung der Substantive nach Geschlechtern, die ebenfalls im Englischen beinahe bis auf den letzten Best fallen gelassen worden ist, eine höchst schmückende Metapher, ist im Hottentottischen vorhanden und im Assam am Ufer des Brahmaputra. Dazu besitzen amerikanische Mundarten wiederum die feine Unterscheidung der Substantive in belebte und unbelebte, wovon wir ja auch im Persischen Spuren gefunden haben. Flexion durch Vokalwandel besitzt eine Algonkinsprache (im Nordwesten von Amerika) und das Lappische. Die eigentümliche Verbindung unseres Verbs mit dem Fürwort, die erst durch die neuere Sprachwissenschaft überhaupt herausgefunden worden ist, läßt sich ähnlich und deutlicher bei den armen Mafoor in Neuguinea nachweisen. Unser unklarer Nominativkasus ist in geringgeschätzten Sprachen grammatisch besser ausgebildet.

So kommt G. v. d. Gabelentz, der sich frei und geistreich seine Unabhängigkeit zu wahren sucht, bezüglich der Wertschätzung der Sprachen zu einem unerwarteten Urteil (Sprachgeschichte S. 380): "Betrachte ich die freie unendlich reiche Bildsamkeit etwa einer ural-altaischen oder philippinischen Sprache, die Menge und die feinen Bedeutungsverschiedenheiten etwa in den Konjugationsformen des Santal und dann wieder die Einfachheit der Mittel, mit denen alles dies erreicht wird: dann ist es mir, als hätten wir mit viel größerem Kraftaufwande doch nur recht Mäßiges zuwege gebracht." Es ist bezeichnend, dass gerade jetzt, wo in der Ethik die Umwertung aller Werte gefordert worden ist, auch die Sprachbewertung solche Sprünge macht. Eine skeptische Zurückhaltung wird wohl vorzuziehen sein, die Unterwerfung unter die Möglichkeit, dass wir dem Chinesischen zustreben, wie wir vielleicht schon einmal vor Jahrtausenden Chinesen waren, die Annahme einer Pendelbewegung der Sprache zwischen Isolierung und Flexion, einer Bewegung, für deren Schwingungszeit uns die längsten Zeiträume zur Verfügung stehen. Solange wir nicht wissen, in welcher Weise die lebendige Gehirnmasse ihre Sinneseindrücke aufbewahrt, so lange erscheint es mir recht kindisch, darüber zu streiten, ob die äußeren Lautzeichen dieses Gedächtnisses vereinzelt oder verklebt stehen oder ineinander geflossen sind.

Dazu kommt, dass wir unsere flektierenden Sprachen etymologisch doch zwei bis drei Jahrtausende oder auch ein Stündchen weiter zurückverfolgen können, nicht aber die agglutinierenden Sprachen, dass wir also, ich möchte sagen, die Geologie unserer eignen Sprache so weit verfolgen können, wie sich die Wurzellänge eines Grashalms zum Erdhalbmesser verhält, die der agglutinierenden Sprache jedoch nicht tiefer, als der Eindruck eines Regentropfens auf die Erdoberfläche ist. Wir müssen also bedenken, dass wir völlig unkontrollierbaren Sprachgefühlen gegenüber stehen. Im Sanskrit gehen wir bis zu den imaginären Sprachwurzeln, die Pânini und andere indische Schulmeister aufgestellt haben. Wer bürgt uns dafür, dass die angeklebten Worte der agglutinierenden Sprachen nicht sämtlich auf einem falschen Sprachgefühl jener Völker beruhen, auf unwissenschaftlicher Volksetymologie?


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