Phantastische Vergleichungen


Auf die Versuche einer Abschätzung ganzer Völker nach den Bildungsformen ihrer Sprache will ich mich lieber nicht einlassen. Ebensogut könnte ich eine neue Mythologie oder eine neue Schöpfungsgeschichte schreiben. G. v. d. Gabelentz z. B. entdeckt einen mystischen Zusammenhang zwischen Juristerei und Übersichtlichkeit der Sprache. Die Bantuneger, welche das Substantiv mit seinem Prädikat oder Attribut, wie ich es nannte, in gleiche Livreen kleiden und dadurch die Kongruenz des Lateinischen noch weit übertreffen, sollen in ihrer Art hervorragende Juristen sein, wie die Römer es waren. Man wäre fast geneigt, den Schluß umzukehren und im Corpus juris der Römer etwas Negerhaftes zu finden, schmutzige Habgier mit vollkommener Schamlosigkeit in Charakterfragen. G. v. d. Gabelentz beobachtet ferner einige Ähnlichkeit (nicht Verwandtschaft) zwischen den malaiischen und den semitischen Sprachen und baut darauf Betrachtungen über die Geschichte dieser beiden Völker, die ihm niemals in den Sinn gekommen wären, hätte er diese Geschichte nicht gekannt. Es handelt sich nur um eine Übung des Witzes. Dieser Witz müßte eigentlich seinen scherzhaften Charakter eingestehen, wenn z. B. aus der Bemerkung, dass beide Sprachstämme das Verbum dem Subjekte vorauszusetzen lieben, der Schluß gezogen wird, die Denkweise dieser Menschen sei eine egoistische. "Es fällt ein Stein" soll psychologisch so entstanden sein, dass der betreffende Malaie oder Semite mit nichtswürdigem Egoismus zuerst denkt "ich sehe etwas fallen" und nachher erst "es ist ein Stein". Angenommen, dieser Gedankengang wäre nachweisbar (ich freilich höre kein "ich" heraus aus "es fällt ein Stein"), so könnte ich immer noch keine Gemeinheit darin finden; man könnte ebenso geschichtsphilosophisch diesen Zug philosophisch, kantisch, naturwissenschaftlich, anschaulich, gegenständlich, poetisch, oder sonst was nennen.

Auch die Wertabschätzung der Sprachen nach ihrer Fähigkeit zu einem Periodenbau, wie er am schönsten in chinesischen Ansprachen, in den Reden des Cicero und in den deutschen Aufsätzen unserer Schuljungen zu finden ist, ist ein gefährliches Ding. Ob man äußerlich die einzelnen Sätze wie die Wagen eines Eisenbahnzuges aneinanderkoppelt (Mandschu), ob man sie ineinanderschiebt, wie man kleinere Schachteln in größere hineinsteckt (deutscher Schulaufsatz), ob man sie arabeskenhaft behandelt wie die Ratten, die mit ihren Schwänzen bald an die Schwänze, bald an die Füße anderer Ratten gebunden werden (Idealperiode, Demosthenes): die Empfindung für die Einheit eines geschlossenen Gedankengangs hängt doch nicht von diesen Künsten und von dem Gebrauche der Konjunktionen ab. Die Semiten mit ihrer entschiedenen Neigung für kurze Sätze und ihrem zurückgebliebenen Konjunktionenvorrat haben dennoch an der Ausbildung des Rattenkönigs, der die Logik heißt, entscheidenden Anteil genommen. Und wer ein Ohr hat für die Entwicklung der Literatur, der wird es mir kaum abstreiten können, dass heutzutage die Schönheit eines weiten Periodenbaus nur noch in den lateinischen Schulen gelehrt wird, dass dagegen die lebendigste Poesie, wenigstens in Skandinavien, Deutschland und Frankreich, den einfachen Sätzen zustrebt, wo nicht ein besonderes Bedürfnis rhetorischen Schwungs der longue haieine ihr Recht gibt. Man zähle einmal je für hundert Seiten die Schlußpunkte bei Ibsen, Hauptmann und den französischen Symbolisten einerseits, bei Öhlenschläger, in Heines Prosa und bei Hegel, bei Lamartine anderseits, und ich glaube, das statistische Ergebnis wird verblüffend sein. Mögen die Sätze neuerdings aneinandergekoppelt scheinen wie Eisenbahnwagen; es ist eine innere Verbindung hergestellt.

Die Werteinschätzung der Sprachen nach ihrem gesamten Bau ist ein Spiel der Phantasie, die Einschätzung nach ihrer etymologisch verständlichem oder unverständlichem Flexion ist so töricht, als ob man den Wert der europäischen Armeen nach der größeren oder geringeren Sichtbarkeit der Hosennaht beurteilen wollte. Ein so gründlicher und feiner Kenner der Sprachen wie Finck hat sich darum gern jeder Klassifikation enthalten und lieber "Typen" des Sprachbaus aufgestellt.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 20:43:49 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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