Ein- und mehrsilbige Sprachen


Aber auch die in großen Zügen vorgenommenen morphologischen Klassifikationen der Sprachen sind wertlos für unsere Erkenntnis. Man hat früher die ganze Masse in zwei formlose Haufen geteilt, indem man alle Sprachen in einsilbige und in mehrsilbige einteilte. Man dachte sich das ungefähr so, dass die Einsilbigkeit die älteste Sprachform sei und einen Zustand darstelle, in welchem das Volk noch nicht imstande ist, logische Beziehungen durch das Wort auszudrücken, weder durch Zusammensetzung der Worte noch durch Umbildung des Wortstammes; zu dem Ungeheuern Haufen der mehrsilbigen Sprachen würden dann alle diejenigen gehören, in denen irgendwie logische oder grammatische Kategorien formell ausgedrückt werden können. Ich will beiseite lassen, dass diese Einteilung, welche doch auch die Existenz von Übergängen zugeben muß, geneigt sein müßte, z. B. das Englische wegen seiner auffallenden Zahl einsilbiger Worte zu den primitivsten Sprachen zu rechnen, während es doch offenbar zu seiner Einsilbigkeit auf dem Wege der längsten Entwicklung gelangt ist. Hervorheben möchte ich aber, dass diese Einteilung höchst unpsychologisch vom Standpunkte unserer historischen Grammatik vollzogen worden ist. Die besten Kenner des Chinesischen — und Chinesisch ist immer das Musterbeispiel für einsilbige Sprachen — behaupten, dass in dieser Sprache der psychologische Vorgang der Kategorienbildung gar wohl beobachtet werden kann. Und umgekehrt scheint es mir gewiß, dass ein chinesischer Gelehrter, der vorurteilslos, das heißt ohne sich durch unsere Grammatik und Logik irre machen zu lassen, eine unserer Sprachen analysieren würde, leicht dazu gelangen könnte, die meisten unserer Worte, die aus Zusammensetzungen entstanden sind, für eine Summe einsilbiger Worte oder Wurzeln zu halten. Selbst für uns wäre es nicht schwer, z. B. das Wort "gottgleich" in zwei Worte getrennt zu denken und zu schreiben, wobei freilich "Gott gleich" sich um eine Nuance von der bloßen Ähnlichkeit entfernte und der Identität näherte. Diese Trennung ist uns bei dem Worte "göttlich" schon schwerer zu denken und zu schreiben. Es gab aber eine Zeit, wo das adjektivische Suffix "lich" noch nicht existierte, wo "leiks" (gotisch) noch so viel wie Körper bedeutete, in der Bedeutung von "Gestalt" zu Vergleichungen diente (englisch like) und wo, was jetzt zu "göttlich" geworden ist, noch deutlich in zwei Worten unterschieden war. Der chinesische Gelehrte hätte also gar nicht so unrecht. In ähnlicher Weise dürfte er Worte wie "herrschaftlich" mit Recht in drei Worte trennen. Es will mir scheinen, dass diese Einteilung ungefähr ebenso wissenschaftlich ist, wie die Neigung unserer Volksgenossen, die Menschen in Weiße und in Farbige einzuteilen; es sind die sogenannten Farbigen untereinander mehr verschieden, als einige von ihnen es von uns sind, und überdies sind wir nicht weiß.


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