Indianer


Linguistische Märchenerzähler mögen diese Umstände dazu benutzen, um eine Verwandtschaft der Indianersprachen mit den Sprachen der alten Welt zu beweisen, aus morphologischen Gründen. Hat man doch ebenso den archäologischen Märchenerzählern das Vergnügen gegönnt, die Kultur des originalen Amerika aus den Kulturen Ägyptens oder Phönikiens herzuleiten oder gar die Indianer Abkömmlinge der ins Exil geführten Stämme von Israel sein zu lassen. Von unserem Standpunkt, die wir für das Alter der menschlichen Kultur weit größere Zeiträume annehmen, als die vorsichtige Wissenschaft zuzugeben wagt, wäre gegen die Möglichkeit auch nur eines dieser Märchen historisch nichts einzuwenden. Warum sollen die Indianer nicht zu einer Zeit, als die Nordhälfte der Erde wärmer war, aus Asien über die jetzige Beringsstraße nach Amerika gewandert sein? Warum sollen sie nicht zu einer Zeit, als Südamerika mit Afrika zusammenhing, von Afrika nach Amerika gewandert sein? Warum nicht? Warum nicht ein Dutzend andere Möglichkeiten? Nur dass die Bevölkerung der Alten Welt ebensogut aus Amerika stammen kann und dass die sprachwissenschaftliche Voraussetzung all dieser Träumereien, die morphologische Verwandtschaft, gänzlich unzureichend ist.

Wir werden gegen das Ende dieses Bandes erfahren, wie kurzsichtig es war, die Fragen der Ethnographie sprachwissenschaftlich beantworten oder gar (wie auf dem Umschlag von Demolins' "Les grandes routes des Peuples") saubere Wanderkarten entwerfen zu wollen.


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