"Feder"


Immer aber muß festgehalten werden, dass das Kind, wenn es ein Wort von seiner Mutter oder vom Vater gelernt, den Begriff mit vollem Recht nur in der individuellen Bedeutung auffaßt, denn Vater oder Mutter gebrauchen das Wort — wie wir wissen — in der lebendigen Rede selbst nicht nach der Definition des Wörterbuchs, sondern individuell. Wenn Vater oder Mutter dem Kinde sagt "Nimm das Glas in beide Händchen", so ist der Vorstellungsinhalt von Händchen der eines Eigennamens; sie denken einzig und allein an diese von ihnen geliebten beiden Händchen ihres Kindes. Ebenso ist "Glas" ein Eigenname für das Trinkgefäß in diesen Händchen. Der weitere Schritt zwischen den Eltern und dem Kinde dehnt die Bedeutung von Glas auf andere Trinkgefäße aus. An den Stoff Glas, woraus diese Trinkgefäße gefertigt sind, denken die Eltern in keinem Augenblick. Wie sollte das Kind dazu kommen, Glas als einen Stoff aufzufassen? Der historische Weg ging allerdings vom Stoff auf das Kunstprodukt, das aus dem Stoffe gebildet wurde. Das ist in diesem besondern Falle sonnenklar. Auch kann im Wörterbuch "Glas" Augenglas, Opernglas, Fensterglas usw. bedeuten. Das Kind aber, welches diesen Weg rückwärts verfolgen müßte, neigt natürlich dazu, das Trinkgefäß zunächst als alleinigen Vorstellungsinhalt zu betrachten. Man kann daraus sehen, wie im Laufe von Generationen ein vollständiger Bedeutungswandel entstehen und die ursprüngliche Bedeutung vergessen werden kann. Bei dem Worte Feder ist es schon so weit gekommen, dass ein richtiges Stadtkind mit Feder fast nur noch den Vorstellungsinhalt der Stahlfeder verbindet. Es sagt nicht mehr Stahlfeder, weil es keinen Anlaß mehr hat, sie von dem Gänsekiel zu unterscheiden, mit dem der Urgroßvater noch schrieb. Die Schreibfeder ist ihm bekannter und näher als die Vogelfeder; und es wird eines Tages ganz überrascht sein zu erfahren, dass Feder auch etwas anderes bedeuten kann als eine Schreibfeder. Das Volk hat die hübsche Metapher von der Vogelfeder zu der Schreibfeder gemacht; das heutige Stadtkind muß die Metapher in entgegengesetzter Richtung vollziehen, von der Schreibfeder zur Vogelfeder und dann zur Uhrfeder usw. Aber der Gänsekiel als Schreibwerkzeug ist doch noch wenigstens in der Erinnerung des Volkes so nahe, dass leicht an ihn erinnert werden kann. Dass man einst mit dem Rohre schrieb, wissen nur noch die Gelehrten. Wenn der Italiener für Tintenfaß calamajo sagt, so hat er keine Ahnung mehr davon, dass es Rohrständer bedeutet, wenn er es auch leicht erraten könnte; der Tscheche, der dafür kalamar sagt, kann es auch nicht einmal mehr erraten. Ebenso hat in kühnem Bedeutungswandel der Stoff des Buchenholzes sich zu dem Begriff "Buch" gestaltet. Auch die Buchstaben werden jetzt mit bleiernen Lettern gedruckt, ohne dass man darum an den Buchstaben etymologisch Anstand nimmt. Wenn aber das Kind den Stoff Glas nicht kennt, sondern nur das Trinkgefäß und darum ganz richtig sagt, es wolle heute aus seinem silbernen Glase trinken, so nennt man das ein falsches Sprechen. Es braucht aber nur das Wort Glas als Stoffbezeichnung sich irgendwie durch Lautwandel oder sonst zu verändern, so wird gegen ein silbernes Glas nichts mehr einzuwenden sein, so wenig wie heute schon gegen eiserne Balken, gegen Buchstaben von Blei, gegen Goldfeder (goldne Stahlfeder) u. dgl.

So wenig zwei Menschen das gleiche Leben gelebt haben, so wenig sprechen sie die gleiche Sprache. Nun werden wir dazu noch aufmerksam gemacht auf den Umstand, dass das Kind jedes Wort zuerst in einer individuellen Anwendung erfährt, als einen Eigennamen, wie wir es nannten. Es kann kein Zweifel daran sein, dass dieser Eigenname, dass dieser erste Anlaß für zeitlebens, wenn auch noch so abgeschwächt, den Vorstellungsinhalt des Wortes nüanciert. Und noch eins erkennen wir jetzt. Je nach dem Bildungsgrade einerseits, je nach der Kraft seiner Einbildungskraft anderseits wird der einzelne Mensch den Bedeutungswandel der gleichen oder ähnlichen Worte, also die historische Entwicklung der Sprache im Bewußtsein tragen oder nicht. Es macht für die Gedankenwelt eines Menschen sehr viel aus, ob er sich des metaphorischen Bedeutungswandels seiner Worte bewußt ist oder nicht. Für sich und für andere beherrscht eigentlich nur derjenige die ganze Fülle und die ganze Schönheit seiner Muttersprache, in dessen Gehirn die unendlich verwickelten Metaphern wenigstens leise anklingen. Der Dichter und das Kind sprechen darum am besten, am natürlichsten; der gewöhnliche Sprachgebrauch ist darum so unnatürlich, so nüchtern. Ich möchte an dieser Stelle nur leicht darauf hindeuten, dass bei den obersten Begriffen der sogenannten Geisteswissenschaften das Bewußtsein vom metaphorischen Bedeutungswandel ganze Weltanschauungen trennt. Wer ganz bewußtlos unter dem Guten, unter dem Schönen das zu verstehen glaubt, was seine Amme oder der Sprachgebrauch darunter zu verstehen glauben, der steht gewiß auf einem ganz andern Boden als wir, die wir durchschaut haben, dass auch solche Begriffe nur Metaphern sind, dass sie einen Bedeutungswandel durchgemacht, eine Geschichte gehabt haben.


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