Witz


Insofern Witz ein geistreiches Erkennen von entlegenen Ähnlichkeiten ist, ist er natürlich eine Metapher, je nach Umständen eine Metapher, die sich durch Neuheit oder Keckheit auszeichnet. Wie man das Wort Witz im 18. Jahrhundert gebrauchte, war der Witz oder der vergleichende Verstand der eigentliche Vater der Sprache. Wie wir das Wort jetzt gebrauchen, beeinflußt der Witz die Sprache immer noch weit mehr, als es den Anschein hat. Würden wir die Geschichte der Sprachen genauer übersehen und wären wir gar imstande, in die Seele der Zeiten hineinzublicken, welche Sprachveränderungen vornahmen, so würden sich uns unendlich viele Scherze als Anreger von Bedeutungswandlungen ergeben. Eine der mächtigsten von diesen Kräften ist derjenige Scherz, der in der Ehetorik unter dem Namen Ironie bekannt ist. Sagen wir von jemandem, dessen Intelligenz wir z. B. beurteilen sollen, er sei ein guter Mensch, so ist für jeden Hörer die komplizierte Ironie verständlich, welche ungefähr darin liegt, dass wir auf die Frage gar nicht antworten und, indem wir ihn in einer Beziehung loben, einen Tadel in anderer Beziehung durchblicken lassen. Diese Redensart "ein guter Mensch" wird immer noch als Ironie empfunden. Kommt es aber eines Tages dazu, dass diese Redensart die jetzige Bedeutung von "gut" überdauert, so würden wir unter "ein guter Mensch" ohne jede Ironie "ein Dummkopf" verstehen, und nur die Sprachgeschichte könnte uns lehren, dass der Witz den Bedeutungswandel veranlaßt habe.

Von dilettantischer Seite ist der Versuch gemacht worden, so manche Schwierigkeit dadurch zu erklären, dass in irgend einer uralten Zeit die Worte einen Gegensinn gehabt hätten, dass z. B. eine und dieselbe sogenannte Wurzel "kalt" und "warm" bedeutete. Daraus sollte dann begriffen werden, warum im Deutschen z. B. "kalt" bedeutet, was im Italienischen (caldo) "warm" bedeutet. Nie und nirgends kann in einer bestimmten Umgrenzung ein Wort zugleich seinen Gegensinn bedeutet haben; die Konfusion wäre zu groß gewesen; wohl aber können wir uns vorstellen, dass irgend einmal, Spasses halber, mit einem Wort durch Ironie sein Gegensatz ausgedrückt wurde und dass dieser ironische Gebrauch sich durch einen der Zufälle der Sprachgeschichte festsetzte.

 

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Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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