Semitische Wurzeln


Auf einen wichtigen Umstand muß ich noch einmal aufmerksam machen, um das Spiel aufzudecken, das mit dem Begriff der Wurzeln getrieben worden ist. Man hat nämlich die Wurzelhaftigkeit der Ursprache zu einem Dogma der gesamten Sprachwissenschaft gemacht. Der indoeuropäische Sprachforscher gleicht dem Fuchs der Fabel, der seinen Schwanz in der Falle gelassen hat und nun den anderen Füchsen rät, ihre Schwänze gleichfalls abzuschneiden. Es wollte aber der Zufall, dass die orientalische Sprachwissenschaft ebenfalls von Wurzeln der semitischen Sprachen redete, so dass man für die beiden großen Gruppen der flektierenden Sprachen saubere Wurzelkataloge aufstellen konnte. Nun kann man die lautliche Grundlage der semitischen Worte immerhin als Wurzeln bezeichnen, die Bezeichnung ist nicht schlechter als eine andere; aber der erste Blick zeigt, dass die semitischen Wurzeln mit den indoeuropäischen nicht viel mehr als den Namen gemein haben. Es wird bekanntlich gelehrt, das die semitische Wurzel regelmäßig aus drei Konsonanten bestehe, deren Bedeutung dann durch die Vokale gebildet werde. Es bezeichnet z. B. im Arabischen die Konsonantengruppe qtl irgend etwas Unbestimmtes, was mit dem Töten zu tun hat; aus der Wurzel entsteht dann qatala (er tötete), qutila (er wurde getötet), uqtul (töte), iqtal (töten lassend), qutl (Mord) usw. Es ist also ganz offenbar die semitische Wurzel nicht vorstellbar, nicht hörbar zu machen, nur auf dem Papier vorhanden.

Mit demselben Rechte, mit welchem man in den semitischen Sprachen je drei Konsonanten als Wurzel anerkennt, könnte man das auch im Deutschen tun, sobald das pedantische Bedürfnis sich einstellt, einen Namen zu finden für den Maikäfer ohne Beine und Flügel. "Band", "bände", "binde", "Bund", "Bünde" lassen deutlich erkennen, dass die drei Konsonanten bnd unverändert bleiben, während die Vokale sich ändern. Kann aber irgendein lebendiger Deutscher sich vorstellen, das bnd irgendwie einer Wurzel gleiche, aus welcher dann erst Worte hervorgeschossen seien? Was den genannten Worten und hundert anderen vorausging, das war nicht bnd, sondern irgendein Wort, aus dem sich dann die anderen weiter bildeten. Und es scheint mir ohne jede Begründung klar zu sein, dass für den sogenannten indo-europäischen Sprachstamm gilt, was hier innerhalb der deutschen Sprache deutlich empfunden worden ist. Ist überhaupt eine leibliche Verwandtschaft anzunehmen, so liegt den späteren Gebilden nicht eine gemeinsame Wurzel zugrunde, sondern ein lebendiges Wort.

Die angeblichen Sanskritwurzeln (sta usw.) nehmen sich viel hübscher aus, und man kann sich wenigstens vorstellen, dass sie Worte waren, dass sie einmal ausgesprochen wurden. Die semitischen Wurzeln verraten auf den ersten Blick, dass sie Konstruktionen semitischer Grammatiker sind, vielleicht durch die eigentümliche Schreibart der semitischen Sprachen veranlaßt. Während also die Hypothese von einer indoeuropäischen Wurzelsprache wenigstens vorstellbar ist, bleibt es ganz unmöglich, sich eine semitische Wurzelsprache auszudenken. Es widerspricht also die semitische Wurzel der indoeuropäischen Wurzellehre, anstatt sie zu unterstützen. Und darum ist es unserer Sprachwissenschaft gar nicht zu verdenken, wenn sie die semitische Wurzellehre kritischer beleuchtet hat als ihre eigene; man hat sehr gelehrte und sehr geistreiche Anstrengungen gemacht, aus dem Vorkommen von Doppelkonsonanten, von angeblichen Hilfskonsonanten, und aus der Ähnlichkeit je zweier Konsonanten in dreikonsonantigen Wurzeln den für die Indoeuropäer erfreulichen Schluß zu ziehen, auch die semitischen Sprachen seien aus ursprünglich einfacheren, idealeren Wurzeln hervorgegangen.


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