Sprache ist Erinnerung


Die Schwierigkeit wächst für uns, wenn wir erwägen, dass ein solches Reagieren auf einen bestimmten Reiz nicht vorstellbar ist ohne die Annahme, dass auch das niederste Lebewesen den bestimmten Reiz als solchen erkennt. Dieses Erkennen, das dem menschlichen Denken oder Sprechen unendlich lange vorausgeht, ist ohne irgendeine Art des Erinnerns nicht möglich. Das Denken oder Sprechen aber ist doch auch nur ein Erinnern an die Wirkung bestimmter Reize. Es bleibt uns also nichts übrig, als in unserer Phantasie die Entwicklung der Sprache zurückzuverfolgen bis zum Erkennen von Reizen, wie wir das bei den niedersten Lebewesen beobachten. Ich brauche wohl nicht besonders darauf aufmerksam zu machen, wie drollig einer solchen wahrhaft unendlichen Entwicklung gegenüber die Frage erscheint, ob vor einigen tausend Jahren die hypothetischen Wurzeln konkrete Dinge oder ihre abstrakten Merkmale bezeichnet haben.

Ganz gewiß haben die Menschen immer mit ihren Worten die Vorstellung von konkreten Dingen verbunden. Auch Kant stellte sich bei dem Worte Knopf einen konkreten Knopf vor, trotzdem er die Transzendenz des Dings-an-sich lehrte. Ebenso gewiß ist es aber, dass die Menschen auch in Urzeiten unbewußt nur ihre Sinneseindrücke ausdrückten, wenn sie mit irgendwelchen ursprünglichen Worten, meinetwegen mit Wurzeln, konkrete Dinge zu bezeichnen glaubten. Ein Bewußtsein davon, dass wir nichts wissen oder erkennen als die Wirkung von Reizen auf uns, ein solches Bewußtsein war früher selbstverständlich noch seltener als heute. Aber selbst zu jener unergründlich fernen Zeit, in welcher die neuen, als Menschen differenzierten Geschöpfe Menschensprache zu reden begannen, die etwas reicher und beweglicher war als die Sprache ihrer Vorgänger, selbst damals hatte das Erkennen, das heißt die Vergleichung von Reizwirkungen schon eine lange Entwicklung hinter sich. Wir wissen jetzt, dass das Sehorgan des Menschen sich "aus" viel einfacheren lichtempfindlichen Hautstellen entwickelt hat, wir wissen ebenso, dass das Gehörorgan des Menschen "aus" ganz primitiven Gehörkörperchen entstanden ist; und wir können uns von der Seh- und Gehörempfindung derjenigen Tiere, die heute noch so einfache Instrumente besitzen, nicht die entfernteste Vorstellung machen. Wir können durchaus uns kern Bild davon machen, wie unsere farbige und helle Außenwelt auf den lichtempfindlichen Hautfleck augenloser Tiere wirkt; vielleicht empfinden sie als Wärme, was uns Licht und Farbe ist. Weiter hinauf ist uns auch das Weltbild der intelligentesten Tiere völlig unbekannt, vielleicht nehmen wir nur darum so gerne einen Instinkt bei ihnen an, weil ihr Weltbild von dem unseren so verschieden ist. Nicht in so hohem Grade, aber in derselben Art verschieden muß auch die Welterkenntnis, das heißt die Orientierung urzeitlicher Menschen von unserer Orientierung gewesen sein. Und da wagen wir es, von der Bedeutung dieser sogenannten Sprachwurzeln zu reden.

Es ist möglich, dass viele indoeuropäische Ausdrücke für eine Arbeit und dergleichen auf irgendein sehr altes Wort (ar) zurückgehen, das ungefähr "ackern" bedeutete; um dieses ar aber eine Wurzel zu nennen, müßte man ja den Ackerbau für älter halten als die Anfänge der menschlichen Sprache. Zum mindesten ebenso gut möglich ist es, dass das Wort, welches später metaphorisch die Bedeutung ackern eroberte, vorher das Arbeiten oder das Schwitzen bezeichnete.

Noch bedenklicher ist das witzige Spiel mit Wurzeln, wenn es sich auf abstraktere Vorstellungen bezieht. Ich habe als Student mit Vergnügen gelesen, dass die Worte Mann und Mensch ein denkendes Wesen bedeuten, von der abgeleiteten Sanskritwurzel "man" herstammen, welche wieder auf die echte Wurzel "mä" zurückgeht; diese bedeutete messen und war in dem Worte Mond erhalten. Das war vor dreißig bis vierzig Jahren zuverlässige Etymologie. Man entdeckt immer, was man unbewußt sucht. Heute ist die Neigung vorhanden, den Menschen vom Tiere weniger zu unterscheiden, und so hat man auch in den indischen Quellen entdeckt, dass es vielleicht mit der Etymologie "man" nicht ganz richtig sei, dass im Sanskrit der Mensch vielleicht zum Vieh gerechnet wurde. Man sieht, auch Wurzeln sind der Mode unterworfen.

Der Mode unterliegt sogar die angenommene Zahl der Wurzeln. Seit einiger Zeit besteht die Neigung, nur ganz wenige Wurzeln anzunehmen. Unter diesem Einfluß hat ein Engländer alle indo-europäischen Worte auf saubere neun Wurzeln zurückgeführt, ein Deutscher gar alle griechischen Worte auf eine einzige Urwurzel, auf e.

Die alten Sanskritgrammatiker wiederum beschränkten die Zahl ihrer Wurzeln nicht weiter, als es ihrem Scharfsinn Spaß machte. Sie blieben bei etwas über 1700 Wurzeln stehen. Wenn die Sanskritsprache damals schon eine tote Sprache gewesen ist, so sind die Ableitungen dieser alten Grammatiker nicht einmal subjektiv zuverlässig, da ihnen dann die Stammsilben nicht einmal so vertraut sein konnten wie uns etwa, ich meine den Nichtphilologen, die relativen Wurzeln unserer Sprache. Man versuche einmal, ohne den modernen historisch-philologischen Apparat ein Wurzelverzeichnis der Muttersprache herzustellen, und man wird die notwendige Hilflosigkeit der Sanskritgrammatiker begreifen, die doch ebenfalls keine historisch-philologische Methode besaßen. Da wir nun das Wurzelgraben der alten Sanskritisten nur in Ausnahmefällen nachkontrollieren können, wird es zu einer potenzierten Spielerei, zu einem Spiel mit dem Spiele, wenn z. B. Max Müller (weil das Hebräische auf etwa nur fünfhundert Wurzeln zurückgeführt worden ist) auch die relativen und vermeintlichen Sanskritwurzeln auf die Zahl von etwa fünfhundert beschränken möchte. Erheiternd ist es, wenn er dieser unbewiesenen Behauptung das unendlich schnurrige Selbstlob hinzufügt: "Dies offenbart einen Geist weiser Beschränkung von Seiten der Ursprache."


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 05:47:29 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright