Stämme und Wurzeln


Einige Beispiele mögen zeigen, wie die Sprachwissenschaft bei diesem Bretterverschlagen unter dem Beifall der gebildeten Welt verfährt. Sie sieht in "lieb" den Wortstamm einer deutschen Gruppe, vergleicht dann diese Silbe mit ähnlichen englischen und slawischen Silben, um plötzlich wie ein Ochse vor dem Berge bei der sogenannten Sanskritwurzel "lubh" stehen zu bleiben. Wer dann in einem etymologischen Handbuche liest, dass die Sanskritwurzel lubh ein heftiges Verlangen ausdrücke, freut sich dieses Ruhepunktes in seinem historischen Denken, wie sich ja wohl auch der Ochse freuen mag, wenn der Berg ihm Halt gebietet. Vergleicht man dazu jedoch Wörterbücher des Sanskrit, so findet man zu seiner nicht geringen Enttäuschung, dass diese Wurzel lubh ursprünglich "irrewerden", "in Unordnung geraten" bedeutet, in der entsprechenden Verbalform sodann "in Unordnung bringen" oder "verwischen". Will uns wirklich irgendein geistreichelnder Sprachforscher einreden, dass er da die Wurzel unseres Liebens ausgegraben habe, weil das deutsche "Lust", das lateinische "lubido", das slawische "ljubiti" ähnlich sind? Will er gar witzig das Irrewerden mit den Wirkungen der Liebe zusammenbringen? Eine Ähnlichkeit ist aufgefunden, aber keine Wurzel.

Für unser Sprachgefühl ist "Arzt" der Stamm des neu gebildeten Wortes "Ärztin" und, um das t verkürzt, der Stamm des Wortes "Arznei". Die Sprachgeschichte lehrt darüber, dass Arzt aus dem mittellateinischen "archiater" (griechisch archiatros) entstanden sei, die Stammsilbe "arz" also vollkommen identisch sei mit der Vorsilbe "erz" oder "archi", wie sie uns in den Worten Erzbischof, Erzspitzbub, Archipelagus (im Mittelalter falsch gebildet), Architektur usw. geläufig ist. "Archiater" war ein Titel, der von spätrömischen Kaisern ihren Leibärzten gegeben wurde, und er bedeutete so viel wie Erzmedikus oder Erzdoktor; aus dieser Vorsilbe ist unser Wortstamm "Arzt" geworden. Ich weiß nicht, bis zu welcher Sanskritwurzel man diesen Stamm zurückzuverfolgen liebt. Es stehen mehrere zur Verfügung, von denen immer eine das Gegenteil von der anderen bedeutet.

Das französische Wort gene ist der Wortstamm geworden für einige französische und auch für deutsche Worte; wir "genieren" uns und finden allerlei Dinge "genant" oder "genierlich". Die Sprachgeschichte erzählt uns, dass dieser Wortstamm ganz besonders viel — wie schon gesagt — von seiner ursprünglichen Kraft eingebüßt habe. Wenn nun der althebräische Ausdruck für die echt hebräische Hölle scheol war, wenn das Wort Gehenna nur euphemistisch eine Art Abdeckerei bedeutete, das Ge-Hinom bei Jerusalem, das Tal Hinom, wohin man das Aas und die Leichen von Verbrechern geworfen haben soll, so würde der Stamm gene zunächst von der hebräischen "Wurzel" ge, welche Tal bedeutete, herrühren. Und wenn es den Orientalisten gelänge oder vielleicht gelungen ist (ich weiß das nicht), die Wurzel des Eigennamens Hinnom zu finden, so wäre für sie die Welt auch auf orientalischem Boden da mit Brettern verschlagen.

Diese Beispiele, die sich mit jedem Artikel eines etymologischen Wörterbuches vermehren ließen, zeigen nur, dass die Etymologie eine anregende Beschäftigung ist, die innerhalb der jüngsten Sprachgeschichte die Wortstämme beobachtet und die, sobald sie mit ihrer Weisheit zu Ende ist, die letzten Stämme feierlich für Wurzeln erklärt. Sie macht es so wie ein Kind, welches z. B. bis zwanzig zählen gelernt hat und dann sagt: weiter geht's nicht. Das Kind meint nämlich, es gehe in Wirklichkeit nicht weiter. Während es doch nur subjektiv nicht weiter kann. Ebenso geht es kindischen Familien, welche ihre Ahnen um drei bis sechzehn Generationen zurückverfolgen können und den letzten Ahnherrn — weiter geht's nicht — mit irgendeinem legendären Helden der Geschichte in Verbindung bringen; die Römer und Griechen waren konsequenter und ließen den letzten Ahnherrn einfach von einem zeugungskräftigen Gotte abstammen. Noch ein anderer Vergleich liegt nahe. Die Sprachforscher verfolgen die Generation von Worten eine hübsche Strecke zurück. Das Ei kommt ihnen von der Henne, die Henne aus einem Ei, dieses Ei wieder aus einer Henne und so zurück über das Mittelalter und das Altertum zum Sanskrit, bis sie dort ernsthaft vor der alten Scherzfrage stehen: ob das Ei früher war oder die Henne. "Das Ei", antworten sie sinnlos und meinen damit die Wurzeln. Weiter geht's nicht. Die Entwicklungslehre hätte statt ihrer geantwortet: Jawohl, das Ei steht am Anfang der Hennengenerationen, aber nicht das Hühnerei, sondern irgendeine mikroskopische Eizelle.

Selbst Whitney lehrte noch sehr beredt die Realität der Wurzeln und begnügte sich damit, die Bildungsformen der Suffixe in zwei Klassen einzuteilen, in sekundäre und in primäre. Die sekundären Suffixe sollen an die Worte herantreten, die schon in historischen Sprachen auftreten; so werden fast alle unsere Worte gebildet, "lieblos" aus "Liebe". Die primären Suffixe aber sind früher an die Wurzeln herangetreten, es entstand das lateinische lubido aus der Sanskritwurzel lubh. Mit einem bemerkenswerten Musterbeispiel logischen Fehlschließens sagt er dann: "Halten wir also die Stämme, an die sekundäre Endungen angetreten sind, für historische Realitäten, für Wörter, die vor ihrer Zusammensetzung zu anderen Wörtern schon für sich gebraucht wurden, so können wir auch nicht umhin, dasselbe in betreff der Wurzeln anzunehmen, an die die primären Endungen angetreten sind; auch ihnen müssen wir geschichtliche Wirklichkeit zusprechen." (Sprachwissenschaft, S. 385.)

Umgekehrt. Wogegen Whitney sich in diesem Kapitel wendet, das ist die Annahme, die Wurzeln der Etymologen seien bloß Abstraktionen, unwirkliche Gebilde, die zur Erklärung der Sprachgeschichte dienen. Und doch ist eine Sprachwurzel nur als eine solche Abstraktion, als eine hypothetische Hilfskonstruktion für uns faßbar. Waren die angeblichen Wurzeln, wie die Sprachwissenschaft gegenwärtig lehrt, einmal Worte, wenn auch vorgrammatische Worte, Worte vor der Einteilung der Redeteile, so waren sie nicht vom Monde heruntergefallen, wie nach Dubois-Reymond das Leben auf die Erde gekommen ist, so waren sie nicht von einem Gesetzgeber der Sprache erfunden oder von einem Gotte gesetzt; wenn die Wurzeln einmal Worte waren, so hatten sie auch damals schon eine Geschichte.

Will man ganz scharf in Worte fassen, wie unsere Sprachforscher zu der Phantasie gelangt seien, am Anfang, das heißt am Bretterverschlag unserer Sprachwelt habe es einen Zustand gegeben, in welchem unsere Vorfahren in einsilbigen, grammatisch nicht unterschiedenen Wurzeln sprachen, so liegt die Sache ungefähr so. Die Grammatiker hatten abstrakte Sprachwurzeln angenommen, für welche sie ein Land oder eine Zeit nicht bestimmen konnten; dazu erfand man dann einen abstrakten Ort in einer abstrakten Zeit, wo die abstrakten Sprachwurzeln sich wie lebendige Wesen herumtummeln konnten.

Hat es eine Zeit gegeben, in welcher irgendein indoeuropäisches Volk, meinetwegen das legendäre Urvolk selbst, Bedeutungswurzeln besaß, welche in unbestimmter Weise bezeichneten, was wir jetzt durch verschiedene Bildungssilben in substantivische, verbale und adjektivische Begriffe trennen, so war jene angebliche Wurzel eben schon ein Wort, ein Wort mit einem an Inhalt ärmeren, an Umfang darum weiteren Begriff. Ist z. B. unser deutsches "Wolf" nicht entlehnt, sondern wirklich ererbt aus einem indoeuropäischen varkas, wobei das s ein wortbildendes, diesmal substantivbildendes Suffix wäre, so muß es nach der Anschauung der Wurzelverehrer eine noch ältere Zeit gegeben haben, in welcher die reine Wurzel "vark" einen Begriff ausdrückte, der zugleich unser Verbum "reißen", unser Substantiv "Raubtier" und unser Adjektiv "reißend" umfaßte. Man hat bekanntlich versucht, die Wurzelsprache des indoeuropäischen Urvolks auf ein paar Hundert solcher weitmaschiger Begriffe zurückzuführen. Dazu kämen dann noch ein Dutzend Beziehungswurzeln, welche in ebenso weitmaschigen Begriffen unsere Adverbien, Pronomina und — wie ich glaube — auch Zahlwörter umfassen. Auch diese Beziehungswurzeln mußten in der Zeit ihres weitesten Umfanges schon Worte sein. Warum aber sollen wir so alte Worte um ihres Umfanges willen Wurzeln nennen? Wir haben heute noch im Chinesischen und im Englischen zahlreiche einsilbige Worte, welche entweder verschiedene Begriffe der gleichen Redeteilklasse oder nah verwandte Begriffe verschiedener Klassen umfassen. Für die ersteren bedarf es keiner Beispiele, weil alle Sprachen voll von ihnen sind, ja weil es eigentlich kaum ein Wort gibt, mit welchem sich nicht verschiedene Begriffe aus der gleichen Redeteilklasse bezeichnen ließen. Für die zweite Gruppe häufen sich die Beispiele auf jeder Seite eines englischen Wörterbuchs. Wish heißt in der Sprache der Grammatik sowohl Wunsch als wünschen, pardon sowohl Verzeihung als verzeihen, und so in unzähligen Fällen; gold heißt sowohl Gold als golden, und so in zahlreichen Fällen. Wir lassen uns von unserer Grammatik täuschen, wenn wir glauben, dass wir Deutsche so weite Begriffe nicht hätten. Nach meinem Sprachgefühl wenigstens beruht die Besonderheit unserer zusammengesetzten Worte zum Teil darauf, dass wir die sogenannten Bestimmungsworte ohne Vorstellung ihrer Redeteilklasse gebrauchen. In Goldfisch und dergleichen hat das Substantiv adjektivischen Charakter, in Raubtier, in Reisetasche begreife ich unter dem Bestimmungswort etwas, was weder Substantiv noch Verbum ist. Doch wenn selbst diese Vergleichung falsch wäre — müssen wir die englischen Begriffsworte, die im Sprachbewußtsein des Engländers, der von keiner Grammatik irregeführt worden ist, Substantiv und Adjektiv oder Substantiv und Verbum umfassen, müssen wir die Worte wish und gold darum für Wurzeln erklären?

Schleicher selbst hilft sich so, dass er primäre und sekundäre Wurzeln unterscheidet. Es ist aber nur ein Unterschied des Alters. "Wolf" und "Stand" wären Wurzeln, wenn wir in unserer Umschau beschränkt wären; sie werden zu sekundären Wurzeln, wenn wir bis zu den primären Wurzeln vark und sta vorgedrungen sind. Man muß aber mit sprachwissenschaftlicher Blindheit geschlagen sein, wenn man nicht einsieht, dass auch vark und sta zu sekundären Wurzeln, das heißt zu Sprachstämmen würden, sobald wir nur ältere Sprachen als Sanskrit und Griechisch vergleichen könnten. Man hat eben, wie so oft, den Endpunkt unseres Wissens zum Anfangspunkte der Entwicklung gemacht.


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