Ortsnamen


Darauf aber kam es mir an: durch einige Beispiele aus der historischen Zeit das Wesen der Volksetymologie richtig zu stellen. Denke ich mich in eine weit entrückte Zeit zurück, in welcher nur kleine Landschaftsgebiete ihre gemeinsame Sprache hatten und in welcher einerseits die lebhafte Berührung und anderseits das Bedürfnis nach rascherer Sprachbereicherung unaufhörlich neue Worte und neue Formen schuf, etwa so, wie es heute noch bei den Polynesiern der Fall sein soll, so glaube ich einen Zustand zu sehen, den ich als Alleinherrschaft der Volksetymologie bezeichnen möchte. Damals mag das Bewußtsein der Entlehnung oder Neubildung eines Wortes nicht einmal bei einer ganzen Generation erhalten geblieben sein, was doch heute bei dem Gebrauch von Fremdworten und Neuschöpfungen ungefähr der Fall ist. Damals mag das Bewußtsein schon nach kurzer Gewöhnung erloschen sein. Und was in diesem Frühjahr noch Entlehnung oder Neubildung war, gehörte im nächsten Frühjahr dem Sprachschatz an und wurde durch Volksetymologie irgendeiner bestehenden Gruppe gutgläubig einverleibt. Im zweitnächsten Frühjahr hätte ein wissenschaftlicher Etymologe die wahre Herkunft vielleicht nicht mehr erkennen können. Versetzen wir uns nun in eine Zwischenzeit, etwa in die Epoche, in welcher nach der landläufigen Annahme die Schwestersprachen der indoeuropäischen Familie entstanden sind, so wird es wohl nicht gar viel anders gewesen sein. Bei der noch weit jüngeren Entstehung des Spanischen oder des Französischen können wir die Mischung und volksetymologische Einverleibung sehr häufig nachweisen. Bei der so viel älteren Entstehung der germanischen Sprache (um eine gemeingermanische Sprache anzunehmen) können wir eine solche Mischung und volksetymologische Einverleibung nur ahnen. Es wird aber auch da der Sachverhalt wohl so sein, dass die wissenschaftliche Etymologie sich alltäglich über Worte den Kopf zerbricht, die einst volksetymologisch entstanden sind. Ich erinnere, um diesen Gedanken recht eindringlich zu machen, an die Ortsnamen. Wir brauchen nur anzunehmen, dass an der Stelle einer heutigen Stadt — und das wird gewiß oft zutreffen — schon in weit zurückliegenden, vorhistorischen Zeiten eine Ansiedlung bestanden habe, dass diese Ansiedlung irgend einen Namen trug und dass der alte Name, wenn auch noch so verändert, in dem heutigen Ortsnamen noch enthalten ist. Nun ist es offenbar volksetymologisch, in der kleinlichen Bedeutung des Worts, wenn man z. B. den Namen "Berlin" auf einen Bären zurückführt und darum sogar dieses Tier in das Berliner Wappen gesetzt hat. Wenn neuere Gelehrte, um deutsch zu bleiben, den Namen von "Wehr" ableiten, also von einem Damm, so scheint mir diese Erklärung ein Zwitterding von Volksetymologie und wissenschaftlicher Etymologie zu sein. Andere Forscher wieder lehren, dass die Gegend früher von Slawen bewohnt gewesen sei und der Name "Berlin" von einem slawischen Worte herstamme, das den und den Sinn gehabt habe. Bestand aber an den Ufern der Spree noch früher auch schon eine Ansiedlung, so ging der Name aus einer Vorzeit auf jene Slawen über, und das slawische Wort mit der und der Bedeutung war selbst wieder eine Schöpfung der Volksetymologie wie der Bär im Wappen von Berlin.

Noch älter als unsere Städte sind jedenfalls die großen Gebirge und Flüsse. Unsere Gelehrten leiten den Namen der Alpen von "Alp" oder "Alm" ab, was heute bei deutsch redenden Alpenbewohnern einen hochgelegenen Weideplatz bedeutet. Wer wird aber behaupten, dass der Name dieses weithin bis in die italienische Tiefebene sichtbaren Gebirges nicht schon in Urzeiten festgestanden hätte? Wer wird leugnen wollen, dass man in der Gegend von Mailand dieses Gebirge schon benannt hat, lange bevor sich dort irgend etwas festsetzen konnte, was einer indoeuropäischen Sprache ähnlich sah?

Ein sehr hübsches Beispiel liefert Max Müller, und es bliebe ein vorzügliches Beispiel selbst dann, wenn es erfunden wäre, das heißt wenn es ein Irrtum der Etymologie wäre. Er meint, dass von demselben Worte, welches in Indien glänzen bedeutete, einerseits die Sterne, die glänzenden, ihren Namen erhalten hätten, riksha, anderseits die Bären. Ich lasse es dahingestellt, ob wirklich irgendeine Sprache der Welt den Bären den Glänzenden zu nennen Veranlassung hatte; man wird über solche Zwangsanleihen der Phantasie dereinst ebenso lachen, wie wir heute über die Etymologien des 17. Jahrhunderts lachen. Nehmen wir es aber als einen Zufall hin, dass Stern und Bär den gleichen Namen hatten, setzen wir anstatt der Abstammung der Griechen und des Griechischen von den Ariern und dem Arischen eine Entlehnung, stellen wir uns vor, dass die Griechen die Astronomie von den Indern entlehnten und dazu den Namen des Bärengestirns, so ist die Vermutung Müllers sehr ansprechend, dass die Griechen, weil sie den Namen nicht verstanden, die Gruppe der sieben Sterne, welche bei den Indern die Glänzenden hießen, volksetymologisch als den Bären, Arktos, zusammenfaßten und so weiter geführt wurden, noch einen kleinen Bären hinzu zu erfinden und allerlei Metamorphosenfabeln daran zu knüpfen. Die Metamorphosen sind heute vergessen, trotzdem es noch immer Gymnasien gibt, auf denen man sie den armen Jungen eintrichtert. Wenn wir aber heute noch von einer arktischen Zone, von einem arktischen Klub reden, so ist dieser Ausdruck des gebildeten Sprachgebrauchs wahrscheinlich der letzte Niederschlag einer Volksetymologie, welche vor Jahrtausenden Bären und Sterne miteinander verband.

Nur der Kuriosität wegen noch einige Leistungen der Volksetymologie. Eine gewisse Suppe wird Palästinasuppe genannt, weil sie aus Artischocken bereitet wird und zwar aus Jerusalem-Artischocken. Dieses "Jerusalem" ist aber nur eine Umformung des italienischen girasole, "was sich nach der Sonne wendet", eines Namens der Sonnenblume, zu welcher Gruppe ungefähr die Artischocke gehört. Es gibt in der Dauphiné einen tour sans venin, einen Turm ohne Gift, einen Wunderturm, dessen Nähe giftige Tiere nicht vertragen sollen. Der wahre Name des Turmes und der zu ihm gehörigen Kapelle ist aber San Verena.

Es ist damit wie mit dem Beispiele "Alpe".


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 11:18:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright