Etymologie und Mythologie


Die etymologischen Wörterbücher unserer Zeit sind in ihrer Art bewundernswerte Arbeiten, aufgeschlossene Fundgruben für die Wortgeschichte. Wir können mit ihrer Hilfe die Worte unserer Kultursprachen fast immer um einige Jahrhunderte, sehr oft um mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgen und auf Grund der sogenannten Lautgesetze eine sogenannte Verwandtschaft da annehmen, wo ein quellenmäßiges Zurückverfolgen nicht nachweisbar ist. Wir haben gesehen, dass freilich auch unsere hoch entwickelte Etymologie da aufhört, wo die eigentlichen Fragen beginnen. Das Gerede über die Sprachwurzeln wird bald verstummen, und die phantastischen Hoffnungen, die man auf die Hereinziehung des Sanskrit stellte, haben sich als Täuschungen erwiesen. Im 16. und 17. Jahrhundert hielt man das Hebräische oft für die Ursprache und suchte alle lateinischen Worte höchst lächerlich aus dem Hebräischen abzuleiten. Lächerlich sind unsere Sanskritforschungen nicht. Aber auch mit Hilfe des Sanskrit wissen wir vom Ursprung der Worte noch nicht einmal so viel, wie wir durch die Geologie vom Innern der Erde wissen. Alles haftet an der Oberfläche. Wie die Wurzeln der Bäume nicht tiefer gehen, als ihre Krone in die Luft ragt, so können wir die Wurzeln der Worte auch nur einige Spatenstiche tief zurückverfolgen. Unserer Etymologie gegenüber, die ihre geistreiche Spielerei wenigstens mit Tatsachen treibt, ist die Etymologie der Alten eine so kindische Albernheit, dass sie einer ernsthaften Beachtung nicht wert wäre, wenn nur die Alten ihre Etymologie nicht ebenso ernst genommen hätten wie wir die unsere, und wenn die Etymologie der Alten nicht weit stärker auf die Entwicklung ihrer Sprache und ihrer Religion eingewirkt hätte. Ihre Etymologie war durchaus falsche Etymologie, Volksetymologie. Man kann es nicht überall nachweisen, aber es kann kein Zweifel sein, dass sehr viele von den Götterlegenden der Griechen, wie sie heute noch unsere armen Jungen auf dem Gymnasium auswendig lernen müssen, törichte Schöpfungen einer solchen Volksetymologie waren. Um das ganze Elend dieses viel bewunderten Zustandes deutlich zu machen, möchte ich ein Beispiel aus der Gegenwart wählen.

Man weiß, dass trotz Schriftsprache und Schulunterricht auch heute noch die Volksetymologie geschäftig bei der Arbeit ist. Aus Sintflut (allgemeine, große Flut) hat sie Sündflut gemacht. Nun entstand ebenso während der Belagerung von Paris aus dem Namen des Forts "Mont Valerien" bekanntlich im Munde der deutschen Soldaten das bequeme Bullrian oder Baldrian. Nun stelle man sich vor, wir hätten keine Schriftsprache, keine Zeitungen und auch kein Generalstabswerk über den großen Krieg. Die Geschichte pflanzte sich nur durch Erzählungen der Soldaten fort. Dann besäßen wir wahrscheinlich nach 100 Jahren einen wahrhaften Bericht über einen französischen General Bullrian, der die deutschen Bataillone mit Baldrian übergossen hätte oder was man sonst aus den Worten heraus erfunden hätte. Und die Schüler müßten nach 100 Jahren solchen Blödsinn auswendig lernen, die Lehrer würden ihn am Sedantage begeistert ausschmücken, und von den Kanzeln herunter würde der General Bullrian als ein Feind der göttlichen Weltordnung verdammt werden. Ganz und gar nicht anders steht es um viele der schönsten Sagen aus dem Altertum. Wirklich nicht anders.

Es geht uns hier nichts an, dass auch in der alten Bibel solche Volksetymologien zu finden sind. Bei den Griechen war es die Regel, dass die Stammsilben alter Götter- und Heroennamen willkürlich gedeutet, aber auch die Endsilben der Namen zu einer neuen Sage umgedeutet wurden. Und niemand kann wissen, ob diejenige Bedeutung der Stammsilbe, die der heutigen Forschung als die ursprüngliche erscheint, nicht ihrerseits wieder eine uralte Volksetymologie war. An der griechischen Mythologie ist dieser Umstand oft sichtbar geworden, weil die unendliche Arbeit der Philologen seit zwei Jahrtausenden möglichst viel Licht auf diese Worte gesammelt hat; wir können aber die Vermutung nicht unterdrücken, dass auch die übrige Geschichte der Sprachworte voll und übervoll ist von solchen falschen Etymologien.


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