Gesetze


Ein echt menschlicher Instinkt aber, der Drang zu forschen und sich dennoch bei der ersten Generalisation oder Personifikation zu beruhigen, hat zu der Einteilung unserer Welterkenntnis in Wissenschaften und zu der Ausrufung sogenannter Gesetze geführt. Auch in der Sprachwissenschaft soll es Gesetze geben, nicht nur die Gesetze des Lautwandels, sondern auch Gesetze der Begriffsentwicklung. Selbst Lazarus Geiger, dessen Hauptwerk eine vortreffliche kritische Tat ist, verrät an vielen Stellen, dass er Gesetze gefunden zu haben glaubt. Man traut seinen Augen nicht, wenn man bei ihm zum Beweise dafür, dass trotz aller Zufälligkeiten der Sprachgeschichte und trotz der Masse der Entlehnungen dennoch die Ursprünglichkeit der Wurzeln nachgewiesen werden könne, den ungeheuerlichen Satz liest: "Hinter der Sanskritsprache liegt keine zertrümmerte alte." Woher weiß er das so genau? Woher weiß er denn, dass (um in dem sinnlosen Bilde von Mutter- und Tochtersprache zu bleiben) nicht irgend eine unbekannte alte Sprache die zertrümmerte Mutter des Sanskrit gewesen sei? Woher weiß er denn, ob nicht irgend eine andere Sprache, deren Ähnlichkeit durch Zertrümmerung vernichtet worden ist, als Muttersprache hinter dem Sanskrit liege? Woher weiß er denn etwas aus einer Zeit, aus der es keine Überlieferung gibt?

In diesem ungeheuerlichen Satze: "es liege hinter der Sanskritsprache keine zertrümmerte alte", in dieser sinnlosen Behauptung, die eines Max Müller würdiger gewesen wäre als eines Lazarus Geiger, verbirgt sich etwas, was man nur herauszuholen braucht, damit es auf dem Pranger stehe. Es verbirgt sich nämlich dahinter immer noch die erzphilologische Vorstellung, dass die Sanskritsprache eine Ursprache sei, so wie Erztheologen einmal annahmen, es sei das Hebräische die Ursprache. Und in dieser Vorstellung steckt wieder ohne Gnade die andere, dass das älteste Sanskrit, das der ältesten Vedenstücke nämlich, dessen Wurzeln den Erzphilologen so bequem zur Ruhe kommen lassen, identisch sei mit jener Sprache, welche die Menschheit oder wenigstens der legendare indoeuropäische Menschenstamm schuf und sprach, als er sich aus dem Zustand der Tierheit befreite, um in den Stand der sprechenden Menschen aufgenommen zu werden. Aus dieser ungeheuerlichen Vorstellung entwickelt sich dann der Widerspruch, den wir bei Geiger finden, dass nämlich einerseits die Bedeutung der Sanskritwurzeln gern bis zur primitivsten Vorstellung von tierischen Bewegungen zurückgeführt wird, dass anderseits alle unsere sittlichen, religiösen und ästhetischen Begriffe in den vedischen Schriften schon nachgewiesen werden. Es mußten also die Inder der Vedenzeit eine seltsame Sprache geredet haben, eine Sprache, hinter welcher keine zertrümmerte alte lag und welche zugleich an die Ausdrucksmittel der Tiere grenzte und an die Ausdrucksmittel einer reifen Kultur. Die Ursprache der indoeuropäischen Menschheit wäre zugleich die Sprache des Affen und Hegels gewesen.

Der heimliche Grund, der die Linguisten zu einer so verzweifelten Annahme führte, war nur der, dass man sich bei Gesetzen beruhigen wollte, wo die Wirklichkeit nur das Walten des Zufalls darbot. Ich habe an zahlreichen Stellen versucht, den Begriff Gesetz zu analysieren und ihn als einen rein menschlichen, der Wirklichkeit fremden, auf die Welterkenntnis nicht anwendbaren Begriff nachzuweisen. Insbesondere in der Geschichte gibt es keine Gesetze, auch nicht in der Sprachgeschichte. Ich möchte hier — auf die Gefahr der breitesten Wiederholung — durch einen Hinweis auf die astronomischen Gesetze noch einmal die Armut der Sprachgesetze zeichnen.


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