Anomalie


Bei den alten Grammatikern, also bei den Stoikern Anomalie zuerst, ist der Begriff der Anomalie ausgebildet worden. Sie untersuchten (vgl. Steinthal, Geschichte der Sprachwissenschaft 346) den Parallelismus zwischen sprachlichem Ausdruck und Gedanken mit großer Sorgfalt und vielem Scharfsinn und kamen zu dem Endergebnis, dass die Sprache nicht den Gedanken analog gebildet sei, sondern anomal.

Nun wissen wir nicht, wie die Stoiker diese Behauptung bewiesen haben, und können nur annehmen, nach den übrigen Proben ihres Sprachgefühls, dass ihre Beweise Kindereien waren. Sie scheinen die auf der Hand liegenden Zweideutigkeiten ins Treffen geführt zu haben. Sehr mit Unrecht. Diese Zweideutigkeiten haben nur selten den Wert der Sprache herabgedrückt; der Zusammenhang ergibt immer, ob "Bauer" einen Käfig oder einen Landmann bedeutet. Die wahre Zweideutigkeit beginnt eben erst da, wo die Menschen einander ganz gut zu verstehen glauben und dennoch zwei Sprachen reden, also da, wo man es nicht ahnt: immer.

Eine immerhin witzige oder selbst geistreiche Bemerkung eines dieser Stoiker zeigt, was ihnen an der Sprache nicht analogisch, also unlogisch, was ihnen anomal erschien. Sie fanden nämlich, dass mitunter positive Dinge durch Negationen ausgedrückt würden und umgekehrt. In der Negation werde ein Mangel ausgedrückt; unsterblich, was doch der höchste Vorzug der Götter sei, bedeute eigentlich einen Mangel, das Nichtsterbenkönnen. Nun, das Beispiel vom ewigen Juden lehrt uns, dass "unsterblich" allerdings einen Mangel, eine Negation, ja eine Strafe bedeuten könne. Aber freilich hatten die Alten von ihrem Standpunkt recht, nach solchen Sprachbeobachtungen zu sagen: es seien Anomalien in der Sprache vorhanden. Schon ihnen mag etwas wie ein Volapük (thesei) als Ideal vorgeschwebt haben.

Der kluge Sextus Empiricus fand es seinerseits anomal, dass dieselben Worte nicht in allen Mundarten dasselbe Geschlecht hätten, dass ferner die Tiernamen ganz willkürlich bald mit einem weiblichen, bald mit einem männlichen Worte beide Geschlechter bezeichneten, wie ja auch wir von einer männlichen Schlange, von einem weiblichen Schmetterling reden müssen.

Die Sprache selbst ist weder analogisch, noch anomalisch. Nun kommt der Mensch von zwei Seiten an die Sprache heran; einmal selbst als Natur, indem er sie spricht, und einmal als Unnatur, als Gelehrter, indem er sie mustert. Sofern er sie, als seine Muttersprache, spricht, fühlt er keine Anomalie. Sofern er sie aber wissenschaftlich zu fassen sucht, kann er gar nichts anderes tun, als ihre Analogie aufsuchen. Er wird also alles, was er begrifflich zusammenfassen kann, für Analogie erklären und alles, was er nicht fassen kann, für Anomalie. Er will mit einem Maßkrug den Ozean ausmessen. Und so nennt er die Lache, die er mit dem Maßkrug im Lauf von ein paar Tagen schöpfen konnte, Analogie, Logik, Wissenschaft, Vernunft; alles übrige, das heißt den ganzen unverkleinerten Ozean, nennt er Anomalie.


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