Physiologie oder Psychologie


Man kann also beim Gang des Menschen nur physiologische Bedingungen und psychologische Motive unterscheiden. Ganz ebenso steht es um diejenigen Bewegungen des Menschen, die unter dem Namen Sprache zusammengefaßt werden. Physiologisch sind nur ihre Bedingungen, die in allen historischen Zeiten die gleichen waren, oder deren Veränderungen wenigstens zu fein waren für menschliche Beobachtung. Die Veränderungen der Bewegungen oder Sprachlaute jedoch können gar nicht anders als auf psychologische Motive zurückgeführt werden. Wenn man nun mit Osthoff zwischen einem physiologischen und einem psychologischen Moment der Formenbildung unterscheidet, so gesteht man nur die schmerzliche Wahrheit ein, dass wir auch sonst physiologisch zu nennen pflegen, was wir gar nicht mehr zu erklären wissen.

Schon Schuchardt ("Über die Lautgesetze" 1885, also im gleichen Jahre mit Brugmanns selbstbewußter Schrift "Zum heutigen Stand der Sprachwissenschaft") hat die Junggrammatiker und zugleich ihren Logiker und Psychologen Wundt auf die Unmöglichkeit aufmerksam gemacht, das regelmäßige Lautgesetz eine physiologische und die störende Anomalie eine psychologische Wirkung zu nennen. Er weist zunächst darauf hin, dass es im Gegensatz zu der gewöhnlichen Annahme auch Fälle gebe, wo die angeblich psychische Analogiebildung durch den sogenannten mechanischen Lautwandel gestört werde. Er sagt ferner, was viel einschneidender ist, dass heterogene Kräfte einander nicht berühren und nicht beeinflussen können, so wie ja auch der menschliche Wille in seinem Körper nicht die rein physiologischen Vorgänge (wie die Verdauung) hemmen könne, wohl aber die Wirkung psychologischer Motive und Gewohnheitshandlungen. Darum kann in der Sprache des Individuums, sobald wirklich rein mechanische Einflüsse vorliegen (Zungenfehler und dergleichen), die psychologische Analogie die physiologische nicht kreuzen. Es sei also gewissermaßen a priori zu vermuten, dass auch die Lautgesetze psychologischer Art seien.

Allen diesen Bedenken gegenüber konnten sich die Junggrammatiker allerdings darauf berufen, dass sie die Begriffe Physiologie und Psychologie nicht erfunden, sondern aus dem allgemeinen Sprachgebrauch der Wissenschaft vertrauensvoll aufgenommen haben. Und wirklich ist für uns, denen auch die Namen der Wissenschaften nur unverständliche, fetischartige Abstraktionen sind, der Streit um Worte immer unerheblich. Man nennt Physiologie die Lehre von den Lebenserscheinungen, das heißt die Lehre vom Zusammenhang derjenigen Erscheinungen, welche lebendigen Organismen eigentümlich sind. Es steht also die Physiologie in der Mitte zwischen der Mechanik, als der Lehre von den leblosen Dingen, die man seit Jahrhunderten oder vielmehr seit jeher zu verstehen glaubte, und der Psychologie als der Lehre vom Geistesleben, das zugestandenermaßen heute noch nicht erklärt ist. Wir aber wissen und behaupten, dass bloß die Bedingungen der mechanischen Erscheinungen besser beobachtet sind als die Bedingungen der geistigen Erscheinungen, dass aber die Erklärung auf beiden Gebieten gleicherweise fehlt, dass z. B. die Schwerkraft ebenso unverständlich ist wie irgendein Vorgang des menschlichen Denkens. Physiologie ist also diejenige Disziplin, welche unerklärliche Lebenserscheinungen dadurch verstehen zu können hofft, dass sie sie auf ebenso unerklärliche mechanische und chemische Erscheinungen zurückführt. Seitdem man die Bedingungen, das heißt die körperlichen Organe des Lebens ein wenig besser beobachtet hat, spricht man von einer Physiologie, hinter der naturgemäß der Wunsch einer mechanischen Erklärung des Lebens steckt. Wären die Bedingungen des Denkens ebenfalls besser beobachtet, besäßen wir eine Physiologie des Gehirns, die nur einigermaßen der Physiologie des Herzens entspräche, so würde die Psychologie unter die Physiologie fallen und gedankenlose Gelehrte würden dann mit Recht behaupten: dass sie das menschliche Denken mechanisch erklärt hätten. Mit demselben Rechte wenigstens, mit dem die Physiker das Mechanische erklärt zu haben glauben und mit dem die Materialisten das Leben einen Mechanismus nennen.

Das alles wäre nur ein Wortstreit, wenn die Junggrammatiker nicht ganz gewiß dadurch zu ihrer Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze geführt worden wären, dass sie ursprünglich (sie wollen jetzt nichts mehr davon wissen) die Lautgesetze für ebenso mechanische Gesetze hielten wie die der Entwicklung. Und in diesem Sinne ist sicherlich Schleicher der Anreger der naturalistischen Junggrammatiker, wie immer es auch mit der Prioritätsfrage bestellt sein mag: ob Schleicher oder Leskien sich rühmen dürfe, den falschen Satz zuerst aufgestellt zu haben.

Ein Beispiel mag zeigen, wie wenig Sinn die Unterscheidung zwischen physiologischen und psychologischen Einflüssen besagt. Im Altfranzösischen wird die neue romanische Form des lateinischen Verbums so konjugiert: (j')aime, (tu) aimes, (ils) aiment; aber (nous) amons, (vous) amez. Der Grund der Verschiedenheit liegt in der hergebrachten Betonung der lateinischen Wortformen. Es kommt auch sonst vor (faim aus fames, pain aus panis), dass unter gewissen Umständen vor einem Nasal aus dem lateinischen a ein französisches ai wird, wenn die Silbe betont ist; ist die Silbe unbetont, so bleibt im Französischen a erhalten (ami aus amicus). So entstand also auch aime und aimes aus ämo und ämas; aus amämus und amätis jedoch wurde — wie gesagt — amons, amez. Diesen regelmäßig zu beobachtenden Wandel des a in ai nennt man eben ein Lautgesetz, also doch wohl ein mechanisches Lautgesetz. Im Neufranzösischen hat sich's die Sprache bequemer gemacht, unterscheidet nicht mehr die verschiedenen Formen und konjugiert bekanntlich: nous aimons, vous aimez, was dann von Rechts wegen eine falsche Analogiebildung genannt werden müßte und sicherlich ein psychologischer Vorgang ist. Der Unterschied zwischen dem mechanischen oder physiologischen Lautgesetz und der psychologischen Analogiebildung ist aber doch auch wieder nur der Umstand, dass wir bei der Änderung des Neufranzösischen die größere Bequemlichkeit für das Gedächtnis sofort einsehen, dass wir bei dem Lautwandel des Altfranzösischen die größere Bequemlichkeit für die Sprachorgane das heißt für das Gehirn, welches die Sprachorgane in Bewegung setzt, nicht so leicht einsehen. Für den wirklichen Vorgang ist aber unsere Erkenntnis von ihm gleichgültig. Wenn der wandelnde Mensch beim Umbiegen um eine scharfe Ecke lieber und bequemer einen Bogen macht (und es tut es jeder), wenn der Fußgänger auf einer frisch geschotterten Landstraße Schritt für Schritt den ebenen Wagenspuren folgt, so mag man dies mechanische Handlungen nennen, weil sie gut eingeübt sind und darum keine besondere Aufmerksamkeit, kein Erwecken des Bewußtseins nötig machen; aber offenbar ist jeder einzelne Schritt eine Handlung, ein Willensakt der sogenannten Freiheit, also eine psychologische Tätigkeit. Der Weg ist ein Abstractum, wie gesagt, der Schritt ist schon wirklicher, und der Schritt ist doch psychologisch. Der Lautwandel ist ein Abstraktum, jedes einzelne Aussprechen eines ai anstatt a ist schon wirklich und ist psychologisch. Die psychologische Analogie, aimes und amez durch Verwandlung des zweiten a in ein ai einander ähnlicher zu machen, ist ein psychologischer Zwang, das heißt kein unbedingter Zwang. Werden die Worte sehr häufig gebraucht, so werden auch unähnliche als zusammengehörig eingeübt wie z. B. "ich bin" und "wir sind". Mehr als ein solcher psychologischer das heißt nicht unbedingter Zwang konnte auch nie und nirgends den physiologischen Lautgesetzen zugrunde liegen.

Ich glaube, dass sowohl den physiologischen Lautgesetzen als ihren psychologischen Störungen durch falsche Analogie dieselbe Erscheinung zugrunde liegt, die bei gewissen Gedankenassoziationen zum einfachen Versprechen führt. Ich lebte dreißig Jahre in Berlin, und doch konnte es mir bis zum letzten Tage passieren, dass ich statt Berlin "Prag" sagte, wenn ich von dem Wohnorte sprechen wollte; es konnte mir ferner passieren, dass ich anstatt Berlin "Wien" sagte, wenn ich die Reichshauptstadt im Sinne hatte und mit dem Begriff Hauptstadt aus alter Gewohnheit Wien assoziierte. Es kommt vor, dass solche Namensübertragungen bleiben, wenn nicht ein einzelner, sondern ein ganzes Volk in eine neue Heimat gelangt. Dieses Versprechen, dieser Sprachfehler muß jeder Lautveränderung nahe verwandt sein; man verspricht sich so lange und so allgemein, bis der Sprachfehler zum Sprachgebrauch wird. Und das ist doch gewiß psychologisch.

In die Kämpfe der Junggrammatiker spielt noch etwas anderes hinein, was helfen kann, den Gegensatz zwischen dem physiologischen und dem psychologischen Moment aufzuklären. Wir haben gesehen, dass physiologisch diejenigen Veränderungen genannt werden, von deren Gründen wir gar nichts wissen, psychologisch diejenigen Veränderungen, von deren Gründen wir etwas ahnen. Nun ist es kein Zufall, wenn gerade ein klassischer Philologe, wie der verdienstvolle Georg Curtius, von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze nichts wissen will und sich resigniert, besonders in seinem Spezialfach das Vorkommen von Ausnahmefällen und Ausnahmegruppen festzustellen. Seine Gegner haben vielleicht ganz recht, wenn sie solch einen sporadischen Fall gern durch Analogiebildung erklären möchten, nur dass jeder eine andere Erklärung hat, dass sie also von dem eigentlichen Grunde nichts wissen. Das sprachgeschichtliche Material ist einfach für die ältere Zeit nicht reich genug. Es gibt freilich auch im Griechischen Analogiebildungen, die ganz genau den zum Sprachgebrauch gewordenen Fehlern im Deutschen entsprechen. Wir bilden in Liebesgram, Geburtstag usw. von den weiblichen Worten Liebe und Geburt ganz sprachwidrig Genitive auf s, weil uns dieses s einfach die Funktion irgendeiner Zusammensetzung auszuüben scheint; genau ebenso wird im Griechischen (und dieser Gebrauch ist auf unsere wissenschaftlichen Ausdrücke übergegangen) von Worten, die nie ein o am Ende besaßen, eine Zusammensetzung mit o gebildet. Nach dem Vorbild von Aristo-kratie wird Timo-kratie gebildet, trotzdem das Grundwort Time heißt; ebenso wird der Mutter-möder mêtro-ktonos genannt, was einem deutschen "Muttersmörder" entsprechen würde. Und wir besäßen wahrscheinlich diese Form, wenn es zufällig auch "Vatersmörder" hieße. Doch im älteren Griechisch, das den Sprachvergleicher zunächst beschäftigt, liegen so klare neue und falsche Bildungen nicht vor. Je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto besser können wir Übergänge feststellen und selbst den Übergang vom Sprachfehler zum neuen Sprachgebrauch beobachten. Auf die Neigung der gegenwärtigen deutschen Sprache, die sogenannte starke Konjugation durch die schwache zu ersetzen, ist auch von mir schon oft hingewiesen worden. "Bellte, backte" ist so sehr Sprachgebrauch geworden, dass die einst richtigen Formen "boll, buk" ungelehrten Leuten bereits als Sprachfehler erscheinen müssen. Bei "fragte und frug" (wo übrigens die schwache Form die ältere ist; Luther kennt noch kein "frug", dem das häßliche "fragt" folgte) schwankt der Sprachgebrauch noch. Wieder in anderen Fällen scheint es, als ob die künftige Form im Werden begriffen sei; "gewunken" anstatt gewinkt erscheint uns fehlerhaft, aber wer weiß wie lange noch? "Geschumpfen" anstatt geschimpft erscheint uns kindisch oder scherzhaft, "ich trinkte" gehört völlig der Kindersprache an. Und dennoch sind uns diese Fehler oder Versprechungen schon so vertraut, dass sie eines Tages recht gut Sprachgebrauch werden können. Wir hätten dann den ganzen Weg der psychologischen Analogiebildung verfolgt, wie es für die Erscheinungen alter Lautgesetze niemals möglich wäre. Nun ist aber gar nicht ausgeschlossen, dass nach Jahren oder Jahrhunderten, wenn die Uniformierung des deutschen Zeitwortes vollendet wäre, und wenn dann die Zeugnisse der Zwischenstufen vernichtet wären, Übereinstimmungen vorhanden sein könnten, die der Nachwelt nur noch als Lautgesetze erschienen. Es ist also ganz wohl möglich, dass die Erscheinungen, welche wir für alte und für vorhistorische Zeiten Lautgesetze nennen, und die Erscheinungen, welche wir im gegenwärtigen Sprachleben so gut als Analogiebildungen beobachten können, nicht nur beide der gleichen psychologischen Art, sondern beide überhaupt derselben Art sind. Nennen wir doch auch die kleineren Veränderungen, welche wir an unseren gezüchteten Haustieren wahrnehmen, Kennzeichen von Varietäten, während wir ebensolche Veränderungen aus alter Zeit, deren Übergangsform wir nicht kennen, für Kennzeichen fester Arten ausgeben.

Unter dieser Annahme gewinnt der von den Junggrammatikern verkündete Gegensatz zwischen mechanisch physiologischen, ausnahmslosen Lautgesetzen und ihren psychologischen und darum unkontrollierbaren Durchkreuzungen eine ganz veränderte Bedeutung; wir erblicken in den unregelmäßigen Analogiebildungen eine wenig formelhafte aber sichtbare Tätigkeit, wie den Ausbruch eines unterirdischen Vulkans, während die formelhaften und starren Lautgesetze wie die toten Schlacken solcher Ausbrüche erscheinen. Und wir erinnern uns, dass Georg Curtius die skeptische Bemerkung gemacht hat, es habe die junge Schule nur eine neue Hypothese an die Stelle der alten gesetzt. Er hatte vollkommen recht. Wollten die Junggrammatiker wirklich erklären, anstatt sich mit dem Anblick der toten Schlacken zu begnügen, so müßten sie immer wieder jede einzelne Lavaschicht durch ältere und immer ältere Ausbrüche des unterirdischen Vulkans nach Lage, Stärke usw. begründen. So hat z. B. die Curtius-Generation der Sprachvergleichung, von der Beschäftigung mit dem Sanskrit verführt, gern angenommen, es habe die legendare indoeuropäische Ursprache nur den Vokal a gekannt, wo die sogenannten Tochtersprachen die Vokale a, e und o besitzen. Die Junggrammatiker nehmen die Vokale a, e und o schon für die älteste Zeit an. Was heißt ihnen aber "die älteste Zeit"? Es bleibt ihnen ja doch nichts übrig, als nach ihren eigenen Lautgesetzen dahinter eine urälteste Zeit anzunehmen, in welcher doch wieder a, e und o durch a allein vertreten waren. Zur Ruhe bringen, befriedigen kann also auch keine Hypothese der Junggrammatiker, weil ihr Fragen nicht zur Ruhe kommen kann.


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