Innere Sprachform ist der Sprachgebrauch


Um zum Schluß zu kommen: was wir von Kind auf in unserer Muttersprache lernen, dieser oberflächlich orientierende Weltkatalog und dazu das Gefühl für die sprachliche und logische Notwendigkeit dieses uns geläufigen Weltkatalogs ist der ganz gewöhnliche, uns allen so wohlbekannte Sprachgebrauch. Wie die Sitten oder Gewohnheiten unseres Volkes zu unseren Sitten und Gewohnheiten werden, und wie dann diese Sitten oder Gewohnheiten schließlich unter dem Namen Moral eine höhere Weihe zu bekommen scheinen, die dem natürlichen Gefühl des nicht entarteten Herdenmenschen vollkommen entspricht, ebenso erzeugt die Sprachgewohnheit unseres Volkes, indem sie unsere Sprachgewohnheit wird, in uns das Gefühl: das ist so notwendig, das soll so sein, das ist so richtig, das ist Sitte. Der Sprachgebrauch wird zum Sprachgefühl, zur Sprachmoral.

Es mag für die Verehrer Wilhelms von Humboldt — er hat mehr Verehrer als Leser — eine Enttäuschung sein, dass hinter seiner stolzen "inneren Sprachform", die Steinthal in dem Kommentar zu dem vielzitierten § 11 der Einleitung in die Kawisprache eine "Errungenschaft" nennt, nichts weiter steckt als der alte, wohlbekannte Sprachgebrauch. Aber er selbst sagt da und besonders früher "Gebrauch", wo er in der feierlichen Kapitelüberschrift die "innere Sprachform" bemüht. Es ist das nur ein Beispiel für die Unklarheit von Humboldts Stil, dem es auf seine Ahnungen mehr ankam als auf deren Mitteilung. Es war Humboldts Unklarheit, die ihn Kants Bestes nicht begreifen ließ; es war wieder Humboldts Unklarheit, die Kant sagen ließ, er könne sich eine Humboldt-' sehe Abhandlung nicht enträtseln. Humboldt wollte Sprachkritik treiben, ohne die Kritik der reinen Vernunft; wie Kant Erkenntniskritik zu treiben versuchte, ohne eine Kritik der Sprache. Humboldt schrieb einmal: "Die Summe des Erkennbaren liegt ... zwischen allen Sprachen und unabhängig von ihnen in der Mitte." Der Erfinder der inneren Sprachform, welche ihm doch nur Sprachgebrauch war, hielt also die letzte Welterkenntnis außerhalb jedes möglichen Sprachgebrauchs für möglich.

So arm ist der vornehme Begriff "innere Sprachform", wenn wir ihn genau befragen. Nur eines bleibt übrig, was das Humboldtsche Wort bedeutungsvoll gemacht hat. Man hatte vor ihm entweder ein besonderes Sprachvermögen angenommen, oder, wie gesagt, die Sprache auf ihre Logik hin examiniert; Humboldt zuerst wies auf das innere Leben der Sprache hin und forderte damit die Psychologie auf, sich mehr als bisher mit der Sprache zu beschäftigen. Wir wollen auch diese Tat nicht überschätzen. Es wurde in der großen öffentlichen Bibliothek ein Buch etwas vernünftiger eingereiht. Es wurde in dem vorläufigen Weltkatalog ein Begriff in das Fach gelegt, in welches er besser zu passen schien als in sein bisheriges. Mehr als so ein bißchen Umordnung von Worten hat freilich niemals ein Emzelmensch geleistet.

 

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