Jakob Grimm und Bopp


Die großen Meister der Sprachforschung, insofern sie eine deutsche Wissenschaft ist, sind Jakob Grimm und Bopp. Jakob Grimm müßte uns, auch wenn er vergebens gearbeitet hätte, schon verehrungswürdig sein durch seine schöpferische Liebe zu unserer deutschen Muttersprache, Bopp bewunderungswürdig um seines Scharfsinns willen. Will aber die Sprachkritik sich mit einem Worte klar machen, was diese beiden Männer fast gleichzeitig auf ihrem Arbeitsfelde geschaffen haben, Grimm mit seiner historischen deutschen Grammatik, Bopp mit der vergleichenden Grammatik der indoeuropäischen Sprachen, so müßten wir sagen, dass sie zuerst eine Methode des Etymologisierens aus winzigen Anfängen zu einer stattlichen Disziplin ausgebildet haben. Die Hervorhebung der grammatischen Formen gegenüber den sinnbedeutenden Wortbestandteilen führte dazu, in den Bildungssilben mehr und mehr alte Worte zu suchen und mitunter zu finden. Allgemein anerkannt ist gegenwärtig ihre etymologische Methode. Es wurden Gesetze des Lautwandels aufgestellt, die jeder Jünger sich zu merken hatte; wer heute Etymologie treiben will, muß diese Gesetze des Lautwandels vor Augen haben wie der Richter die Paragraphen des Gesetzbuches. Bekanntlich hat die neueste Schule, die der Junggrammatiker, diesen Anspruch noch übertrieben, indem sie von allen Lautgesetzen ausnahmslose Geltung forderte, was freilich — da die bereits entdeckten Lautgesetze diesem Ideal nicht entsprechen wollten — einer Auflösung der ganzen Disziplin beinahe ähnlicher sah als einer Verbesserung.

Die neue vergleichende Methode ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein gewisser Takt des Forschers bei allen Fragen entscheidend ist. Auch die strenge vergleichende Methode kann bis zum Wahnsinn auf die unzusammengehörigsten Sprachen ausgedehnt werden; kein geringerer als Bopp selbst hat das Musterbeispiel einer solchen Verirrung gegeben, da er die Verwandtschaft der polynesischen Sprachen mit den indoeuropäischen nachweisen wollte. Man sah nachher ein, dass zwei Sprachen erst einem genialen Instinkte als "verwandt" erscheinen müssen, bevor man die vergleichende Methode auf sie anwenden darf. Für die vergleichende Methode selbst ergibt sich daraus eine Lehre, die für die vermeintlich mathematische Sicherheit dieser Disziplin nicht gerade günstig ist; die Lehre nämlich, dass alle Lautgesetze immer nur die Ordnung historisch nachgewiesener Lautveränderungen sind, Merkzeichen für beobachtete Ähnlichkeiten, nützliche Hilfen für die Erinnerungen des Sprachforschers, nicht aber Gesetze, weder Naturgesetze, die die Wirklichkeit beherrschen, noch logische Formeln für solche Naturgesetze, Formeln, aus denen sich weiter schließen ließe. Für unseren Sprachgebrauch würde es beinahe genügen, das so auszudrücken: es seien die sogenannten Lautgesetze eben auch nur Worte, also Erinnerungszeichen und nicht reale Mächte.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 19:25:54 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright