Kategorie des Wortes


Der Wortaberglaube ist ganz gewiß eine notwendige Folge der menschlichen Denkweise. Tiefer als die anderen Kategorien des Verstandes, durch welche wir nach Kant die Welt zu betrachten gezwungen sind, steckt im menschlichen Gehirn, was ich die Kategorie des Wortes nennen möchte. Denn das sogenannte Denken ist an das Wort, als das einzige Merkzeichen aller Erinnerungen, unlöslich gebunden (vgl. Bd. 12, S. 155 ff.).

Der Wortaberglaube ist unausrottbar. Der Beweis dafür ist leicht zu führen. Die Kraft eines einzelnen Menschen reicht nicht aus, um die vielen Tausende von Worten nachzuprüfen, in denen er sein geistiges Erbe, den Schatz aller Erinnerungen seiner Vorfahren, das heißt die zusammenfassenden Merkzeichen von Billionen von Empfindungen empfangen hat. Was der einzelne aber nicht selbst, das heißt an seinen eigenen Empfindungen nachgeprüft hat, das nimmt er auf Treu und Glauben hin; er muß also damit rechnen, dass er ungezählten Aberglauben mit in Kauf genommen hat. Auch der freieste Forscher kann sich vom Wortaberglauben nicht befreien, weil er nur auf dem engen Gebiete seiner eigenen Beobachtungen von seiner Sprache sagen kann, dass sie seine Sprache sei. Dieses ganze Buch ist der Befreiung vom Wortaberglauben gewidmet, und dennoch wimmelt es ganz gewiß von Wortgespenstern, an deren relativen Wert ich irrtümlich geglaubt habe.

Viel brutaler und naiver noch ist der religiöse Aberglaube an die Macht des Wortes, wie er noch heute in den Besprechungen der Kurpfuscher und der Gesundbeter nachweisbar ist. Die Inder waren darin noch konsequenter, da sie im Worte (vâk, lat. vox) eine Gottheit erblickten. Der Donner (das Wort oder die Stimme kat exochen) war die Ursache des Regens. Es finden sich in den indischen Liturgien Stellen, aus denen der vielgedeutete, eigentlich bedeutungslose Anfang des Johannesevangeliums "Im Anfang war das Wort" einfach herübergenommen zu sein scheint.

Die Personifikationslust der Inder blieb bei der Vergöttlichung des Wortes nicht stehen. Auch die Bedeutung des Wortes, der Gedanke (manîshâ), wurde zur Gottheit, wobei freilich nicht zu vergessen ist, dass die Alten, Inder wie Griechen, noch nicht abgerichtet waren, ihre Götter immer feierlich zu denken. Und wenn die griechische musa wirklich identisch ist mit dem manishä, wenn musa Gedanke oder Lied bedeutet, so wäre es ganz hübsch anzunehmen, dass Homeros noch eine ganz realistische, unheilige Nebenvorstellung dabei hatte, wenn er sein Gedicht anfing: "Nenne den Mann mir, mein Lied."

 

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