Wortbildungslehre


Die größere Reichhaltigkeit der indischen Grammatiken — ich kenne nur das Werk des Pânini — beruht hauptsächlich auf dem Umstände, dass die Inder außer den Formen, welche wir grammatisch zu nennen gewöhnt sind, auch das große Gebiet der Wortbildung unter Regeln zu bringen versuchten und bei der einfachen Bauart ihrer Sprache auch halbwegs unter Regeln bringen konnten. Wir wissen, was es überall mit diesen Regeln und Ausnahmen und mit den Ausnahmen von den Ausnahmen auf sich hat. Es ist das Bestreben des architektonischen Menschenverstandes, Ordnung zu bringen in den freien Sprachgebrauch. Auch für uns ist jede Flexionsform jedes Verbums ein besonderes Wort. Es ist nur aus praktischen Gründen zufällig so geworden, dass die Ableitungen "Mörder" und "Mord" in unseren Wörterbüchern besonders verzeichnet stehen, dass aber Ableitungen vom Verbum "morden" wie "mordetet" als selbstverständlich der grammatischen Kenntnis überlassen bleiben. Es ist zwar die Bedeutung der Tempusformen, der Modusformen und der Kasusformen nicht entfernt so gleich oder auch nur so ähnlich, wie es nach den Behauptungen der Schulgrammatiken scheinen sollte, aber immerhin muß zugegeben werden, dass die Flexionsformen des Verbums und des Nomens wenigstens äußerlich regelmäßiger sind als die Formen, durch welche z. B. vom Verbum oder vom Nomen neue Hauptwörter gebildet werden. Der Sprachgebrauch, welcher so ungleich Mörder aus morden, Drucker aus drucken, Schlosser aus Schloß, Tischler aus Tisch werden läßt, scheint sich über eine Grammatik der Wortbildung lustig zu machen. Das alte Sanskrit war auch in dieser Beziehung noch regelmäßiger entstanden, und so erklärt sich dieser Unterschied zwischen den indischen und den europäischen Grammatiken.

Die alte griechische Grammatik wagte sich nach einigen verunglückten etymologischen Versuchen an die Regeln der Wortbildung gar nicht heran. Sie behandelte fast ausschließlich — immer in Konfusion mit der Logik — die Flexionslehre und quälte sich da mit Regeln und Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnahmen. Den Wortschatz der Muttersprache nahm man als ein Gegebenes und Bekanntes, nachdem man die Lächerlichkeit der naiven Etymologie zu ahnen angefangen hatte. Als dann später die griechische oder die lateinische Sprache als eine fremde oder tote Sprache gelehrt werden sollte, fiel es gar keinem Menschen ein, den Sprachschatz mit der Grammatik zusammen zu lehren. Die Grammatik blieb eine notdürftige Ordnung der Regeln und der Ausnahmen erster, zweiter und dritter Ordnung; auf eine Ordnung in der Wortbildung verzichtete man, indem man eben alle Bildungen des Sprachgebrauchs zuerst sachgemäß, dann alphabetisch, das heißt ungeordnet, in Wörterbüchern sammelte.


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