Wurzeln


Darin bestand nun die Eigentümlichkeit der indischen Grammatik, dass sie auch die Wortbildung in Regeln zu bringen versuchen konnte. Damit hängt es zusammen, dass die Inder wohl oder übel, der angestrebten Regelmäßigkeit wegen, eine besondere Wortart der gesamten Sprache zugrunde legten, bekanntlich das Verbum. Wir können es uns psychologisch (erkenntnistheoretisch liegt es anders) freilich kaum vorstellen, dass in Urzeiten der menschlichen Sprache die Worte etwas anderes bedeutet haben sollen als Dinge, soweit nicht früher undifferenziert Ding, Bewegung und Eigenschaft zugleich bezeichnet waren. Doch für eine hübsche Vorstellung von der Entwicklung der Sprache war nichts geeigneter als die Zurückführung des Sprachschatzes auf Verben und die Zurückführung aller Verben auf eine verhältnismäßig kleine Zahl von sogenannten Wurzeln (dhâtu). So bietet die indische Grammatik für die Freunde einer sauberen Schablone eine geradezu ideale Arbeit dar. Das Wörterbuch fällt einfach fort; es wird erst langsam von Europäern aus den Quellen zusammengestellt, weil man das Sanskrit eben mit der sauberen Schablone allein doch nicht lernen kann. An Stelle des Wörterbuchs gibt es eine kleine Reihe von Wurzeln, das heißt von Silben, welche offenbar den Kern abgeleiteter Worte bilden, und von anderen Silben, welche man sich der lieben Schablone wegen ausgedacht hat. In der Herleitung der Worte aus diesen Wurzeln besteht die seit hundert Jahren so verherrlichte indische Etymologie. Ich finde in dieser indischen Etymologie, so gering meine Kenntnisse sind, sehr zahlreiche Ableitungen (z. B. Agni — das lateinische ignis — aus beinahe ebenso vielen Verben, als es Buchstaben hat), welche an Wahnsinn den berüchtigten Etymologien in Piatons Kratylos und bei Varro nichts nachgeben. Nur dass der indische Wahnsinn jedesmal Methode hat, die schöne Methode der Wurzeln.

Die Geschichte ihrer Sprache konnten die Inder unter solchen Umständen natürlich nicht weiter verfolgen als bis zu ihren Wurzelgespenstern. Für die Laute ihrer gewordenen Sprache aber hatten sie ein sehr feines Ohr, das freilich wohl zumeist wieder durch Aberglauben geschärft wurde. Wie die orthodoxen Juden heute noch glauben, dass ihre hebräischen Gebete nur durch strengstes Festhalten an der traditionellen Melodik die erforderliche Wirkung auf Jehovah ausüben, so meinten auch die alten Inder, dass sie ihre Vedenlieder strengstens nach der hergebrachten Betonung singen und sagen mußten. Diese Aufmerksamkeit nun führte dazu, jeden Satz mehr als eine Einheit aufzufassen, innerhalb welcher die Worte für Ton und Aussprache so aufeinander wirkten wie die einzelnen Buchstaben innerhalb eines Worts. Diese Aufmerksamkeit hat die europäische Sprachwissenschaft erst seit kurzem von den alten Indern gelernt. Man hat darauf unzählige niedliche Beobachtungen gesammelt. Und wenn man die Unzahl dieser Niedlichkeiten nicht mehr übersehen können wird, so wird man sie zu ordnen versuchen. Die Sprachwissenschaft wird in solchen Büchern eine ungeheure Bereicherung erfahren. Tiefer in das Wesen der Sprache werden mechanische Beobachtungen und ihre mechanische Gruppierung nicht führen.

Die Überschätzung des Sanskrit, der Glaube daran, im Sanskrit die Ursprache gefunden zu haben, stand ungefähr in der geilsten Blüte, als die altindischen Grammatiken unter den europäischen Philologen bekannt wurden. Kein Wunder, dass man die Göttlichkeit des Sanskrit auf die indische Sprachlehre übertrug, dass man die Anregungen, welche die europäische Sprachwissenschaft von der so fremdartigen indischen empfangen mußte, für die Lösung aller Rätsel hielt und das Sanskrit für Jahrzehnte die wissenschaftliche Mode wurde.


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