Sprachvermögen


Über die Stellung der Sprachgeschichte ist damit noch nichts entschieden. Es werden die Wissenschaften gern nach den sogenannten Kräften eingeteilt, welche den Erscheinungen des betreffenden Gebietes — ich möchte fast sagen: präsidieren. Danach gibt es eine Mechanik, eine Biologie, eine Soziologie usw. Die Kraft, welche die Veränderungen in einer Menschensprache veranlaßt, ist oft gesucht, aber noch nicht entdeckt worden. Sie ist möglicherweise in Beziehung mit dem berühmten Sprachvermögen. Was ließe sich nicht alles über Kraft und Vermögen zusammenschwatzen! Es ist für die in der Sprachgeschichte tätige Kraft noch nicht einmal etwas von den Gleichmäßigkeiten aufgefunden worden, die man in anderen Wissenschaften ihre Gesetze nennt. Man achte auf diese Hilflosigkeit der Sprachgesetzforscher, die gerne Sprachgesetzgeber sein möchten, jedesmal dann, wenn der Sprachgebrauch noch schwankt, also eine Änderung der Sprache vor unseren Augen und unter unserem Zeugnis vor sich gehen soll. Da überlegen die Forscher zunächst, ob ein Bedürfnis für das neue Wort vorliegt? Ein Narr wartet auf ihre Antwort; denn nicht ihre Entscheidung urteilt über die Bedürfnisfrage, sondern erst, nachdem das neue Wort gesiegt hat oder unterlegen ist, werden sie sich klar darüber, ob sie von einem Bedürfnis reden dürfen oder nicht. Da überlegen die Forscher weiter, ob die Neubildung mit dem Sprachgesetze vereinbar sei? Wieder wartet nur ein Narr auf Antwort; denn die Sprachgesetze, sind das Sekundäre, und die Neubildung kümmert sich nicht im geringsten darum, ob durch den kleinsten ihrer Buchstaben der ganze Bau der bisher geltenden Sprachgesetze einen Stoß bekommt öder nicht. Wie die Hebammen um die kreißende Frau, so sitzen die Forscher in solchen Zeiten um die schwangere Sprache herum; sie nähren sich gut und plappern dafür über die Gesetze und die Kraft, die Knaben oder Mädel schafft; ob es aber ein Mädel oder ein Knabe geworden ist, das erfahren sie erst nachher.

Es ist demnach nichts mit der Kraft (Energie), welche den Erscheinungen der Sprache zugrunde liegen soll. Nach ihr kann die Sprachgeschichte nicht in das System der Wissenschaft eingestellt werden. Wir müssen uns also an die Erscheinungen selbst halten. Da müssen wir doch auf den ersten Blick sehen, ob die Erscheinungen der Sprache zur Natur oder zum Geist gehören. Ich möchte gern gegen den Leser und gegen mich großmütig sein und alle diese Begriffe als wohlbekannt voraussetzen; aber ich kann wirklich von einer leisen Berührung aller dieser abstrakten Dinge nicht absehen. Die Materialisten leugnen den Geist, die Spiritualisten leugnen die Natur; und beide haben recht mit dem, was sie sich etwa bei diesen Worten denken. Es sind langlebige Worte, in welche seit Jahrhunderten jedes Geschlecht gewisse Unklarheiten seiner Weltanschauung hineinwirft. Doch selbst wenn wir definieren könnten, was Natur sei und was Geist, was Naturwissenschaft und was Geisteswissenschaft, was nützte es uns im Einzelfalle? Wollte ich einmal den eben auf das Papier fließenden Punkt über dem i des Wortes Papier ganz genau beschreiben, ganz genau, so weit meine Kenntnis überhaupt reicht, so müßte ich alle Naturgeschichte, von der Astronomie bis zu meinem heutigen Frühstück, alle Geisteswissenschaften, insonderheit die Menschengeschichte, und nicht minder alle Philosophie, soweit ich sie kenne, zusammensuchen und käme damit zu einer leidlichen Beschreibung des Punktes auf dem i. Denn alle Wirkung ist unendlich in Zeit und Raum. Selbstverständlich wäre der gesamte bisherige Weltlauf ebenso die einzig genaue Erklärung für das kleine Häufchen, welches eben neben mir die Fliege an der Fensterscheibe absetzt. Und wenn ich nicht jedes Geschehnis der Welt so eingehend erklären müßte, so könnte ich doch, oder so könnte doch eine Gesellschaft von Gelehrten alles jemals von Menschen Gewußte und auf uns Gekommene vollständig und systematisch an den Tintenpunkt über dem i oder an das Pünktchen Fliegendreck knüpfen. Ich gestehe gern, dass dieses System bei großen pädagogischen Vorzügen doch manche Mängel besäße. Aber ernsthaft festgehalten wissen möchte ich, dass jede systematische Ordnung menschlichen Wissens, jedes System der Wissenschaften eine Frage der Bequemlichkeit ist. In unseren Lehrbüchern können wir nur deshalb die strenge Abgrenzung der Wissenschaften durchführen, weil wir jedesmal von der Wirklichkeit absehen, weil wir immer schematisieren. In der weiten Welt der unzählbaren Wirklichkeiten gibt es nicht 3 und nicht 4, wie in unseren Rechenaufgaben; es gibt immer nur drei Kirschen und vier Stachelbeeren. Es gibt keine Kristallformen ohne ihr Material. Es gibt kein Licht ohne seinen Körper, von dem es strahlt. Es gibt keine formale Logik ohne Inhalt. Es gibt kein Denken ohne Sprache.


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Seite zuletzt aktualisiert: 30.08.2006 
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