Fixierung der Sprache


Unwillkürlich sucht man die Sprache, die in Wirklichkeit nur immer der flüchtige Laut ist, dauernd zu machen, durch sichtbare Zeichen zu fixieren, wenn man sie als Gegenstand der Wissenschaft betrachtet. Nur wenige Forscher mögen sich klar darüber sein, dass diese Beschränkung auf dauernde Zeichen die Sprachwissenschaft der Sprache gegenüber so ungünstig stellt, wie es nur etwa die topographische Anatomie dem Leben gegenüber ist. Nur wenige mögen es schon als Qual empfinden, dass die Sprachwissenschaft bei allen historischen Sprachen (also auch bei unseren Sprachen, wie sie z. B. vor zwanzig Jahren gesprochen wurden) auf die höchst mangelhaften schriftlichen Aufzeichnungen beschränkt ist. Nur wenige — und diese wenigen kenne ich leider nicht — mögen darüber nachgedacht haben, was alles zur Sprache gehöre und darum in einer vollkommenen Schrift verzeichnet werden müßte. Kaum dass man angefangen hat, unser schlechtes historisches Alphabet durch ein reicheres phonetisches, beinahe physiologisches Alphabet zu ersetzen.

Man stelle sich einen höchst intelligenten, höchst gewissenhaften und sehr feinhörigen Menschen vor, der von unserer Buchstabenschrift nichts wüßte und sich die Aufgabe gestellt hätte, unsere Sprache durch bildliche Zeichen darzustellen. Und man nehme an, er hätte sich sogar die Aufgabe gestellt, durch sein System bildlicher Zeichen nur alle diejenigen Sprachformen zu fixieren, welche gewöhnlich unter der Bezeichnung "deutsch" zusammengefaßt werden. Ich glaube, es würde ihm vor allem nicht einfallen, sich mit armseligen 24 Buchstaben zu begnügen. Er würde mindestens vier verschiedene a brauchen, drei ch, fünf e usw. Sodann würde er, woran in unserer Schrift gar nicht gedacht ist, Notenlinien herstellen müssen und seine Buchstaben so zwischen die Linien schreiben, dass wenigstens annähernd einerseits der Tonfall unserer Rede, anderseits das sogenannte Singen der einzelnen Mundarten unterschieden wäre. (Denn es "singt" jede Mundart, man hört es nur in seiner eigenen nicht.) Ferner müßte durch eine Verbindung von Notenlinien und Pausenzeichen die Punktion unserer Interpunktionen weit reicher ausgestattet werden, als es bisher der Fall war. Man achte nur darauf, was alles in der lebendigen Rede durch die wechselnden Rhythmen der Stimme ausgedrückt wird, die eben nur ganz andeutungsweise durch unsere krüppelhaften Interpunktionen bezeichnet werden. Wir haben, wenn wir "er kommt" niederschreiben wollen, eigentlich nur den dummen Punkt dahinter zu setzen. Zur Not einmal auch das Fragezeichen oder das pathetische Ausrufungszeichen. Unser intelligenter Schrifterfinder müßte Zeichen für die Freude und den Schrecken, für die Furcht und die Hoffnung, die Warnung und die Drohung erfinden; denn mit allen diesen Empfindungen kann gesagt werden: "Er kommt". Und darum ist es unter Umständen mit einer jeden von diesen Betonungen auszusprechen.

Nebenbei: die alte Interpunktion, wie sie vor den Alexandrinern von den Griechen geübt wurde, war zwar sehr ungenügend, aber doch insofern für die Betonung wichtig, als sie oratorischer Natur war und wesentlich nur angab, wann die Stimme zu senken war. Unsere neuere Interpunktion ist von alexandrinischen Schulmeistern erfunden und von Buchdruckern eingeführt. Sie wurde im wesentlichen so, wie sie jetzt ist, festgestellt, als die ersten Ausgaben der alten Klassiker gedruckt wurden. Sie wurde aber so wenig tonmalend, wurde so durchaus grammatisch, dass sie nicht einmal für die verschiedenen modernen Sprachen in gleicher Weise angewendet werden konnte. So steht im Deutschen vor und nach jedem Relativsatz ein sauberes Komma, während wir doch nicht daran denken, "wer lügt" anders zu betonen als "der Lügner"; im Französischen und Englischen ist das "logisch" geforderte Komma des Relativsatzes nicht nötig. Umgekehrt setzt der Engländer vor dem "und" ein Komma, wo es doch im Deutschen verboten ist.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 30.08.2006 
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