Logik


Wäre die Sprache eine Dienerin des Gedankens, der Gedanke Gegenstand anderer Wissenschaften, so wäre es genügend, in der Schriftsprache Laute, Ton und Ausdruck zu untersuchen, dazu im Zusammenhange jeder Sprache die Worte mit ihren Umformungen und die Sätze mit ihren Gliederungen. Für uns aber ist der Gegenstand der Sprachwissenschaft damit noch nicht erschöpft.

Nach der landläufigen Ansicht ist die Logik eine Wissenschaft für sich, eine äußerst fürnehme Wissenschaft dazu, die nur mit Formen zu tun hat und der die Wirklichkeit nicht zu nahe kommen darf. Wir aber werden sehen, dass alle logischen Regeln nur breitgetretene Begriffe sind, Begriffe aber Worte, dass also die ganze Logik in den Worten einer Sprache verborgen ist. Wenn nun immer wiederholt wird, es gebe ganz einheitliche und für alle Menschengehirne gleicherweise gemeingültige Kategorien der Logik, die Formen der einzelnen Sprachen seien nur verschiedene Ausdrucksweisen des gleichen Gedankens, so muß ich demgegenüber behaupten: nur dann, wenn die Worte verschiedener Sprachen Zeichen für die gleichen Vorstellungen sind (was mathematisch genau niemals der Fall sein wird), wenn in den verschiedenen Worten zweier Völker gleiche Erinnerungen der Völker gebunden sind, nur dann lassen sich die verschiedenen Worte zu gleichen Gedanken oder Sätzen aufdröseln, nur dann könnte man von der gleichen Logik zweier Völker sprechen. Nichts ist gemeinsam als das leere Gesetz der Tautologie.

Da aber die Worte nicht ewig da waren, sondern mit dem Volke sich entwickelt haben, da jedes Wort in jeder Bedeutung durch das Beobachten von Ähnlichkeiten (aus Metaphern und Analogien) entstanden ist, da diese Vorgänge nach unserem Sprachgebrauch der Psychologie angehören, so sind außer den logischen Umständen auch die psychologischen Entstehungsgründe der Worte Gegenstand der Sprachwissenschaft.

Es fragt sich nur, ob es möglich ist, mit den Worten und Bildern seiner Muttersprache sich jemals Wort und Ton, Logik und Psychologie einer einzigen fremden Sprache vorzustellen, ja ob es auch nur möglich ist, mit den Worten der heute lebendigen Sprache Logik und Psychologie der letzten Generation sich selber oder einem anderen mitzuteilen.

Sprache ist der Gegenstand dieser Wissenschaft, Sprache ist ihr Werkzeug. Und es ist nur traurig, dass dasselbe Ding als Stoff so unendlich, so allumfassend sein kann, das als Werkzeug zu klein, so wenig umfassend ist. So mußte es den Leuten zumute sein, als sie noch glaubten, das menschliche Auge erzeuge das Licht, das unendliche Licht, das die Welt erfüllt und das doch nur durch das kleine müde menschliche Auge da ist.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 23:36:29 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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