Pantomime

Pantomime. (Schauspielkunst) Ist das lateinische oder vielmehr griechische Wort Pantomimus, welches einen Schauspieler bedeutet, der eine ganze Rolle eines Drama ohne Worte, durch die bloße Sprache der Gebärden ausdrückt. Gegenwärtig nennt man ein dramatisches Schauspiel, das durchaus ohne Reden vorgestellt wird, eine Pantomime; und dann drückt man durch dieses Wort auch überhaupt dasjenige aus, was im Drama zum stummen Spiel gehört.

 Von den römischen Pantomimen, die, wie es scheint in den Zeiten des Augustus aufgekommen sind und in deren Spiel die Römer bis zur Raserei verliebt gewesen, wollen wir hier nicht sprechen. Wer Lust hat sich eine Vorstellung davon zu machen kann Lucians Abhandlung vom Tanzen und des Abbe du Bos gesammelte Nachrichten hierüber lesen.1 Dieses Schauspiel kommt gegenwärtig in keine Betrachtung, ob es gleich noch vor kurzem hier und da auf einigen Schaubühnen erschienen ist. Was jetzt noch Aufmerksamkeit verdient, ist der Teil des stummen Spieles, den man Pantomime nennt.

  Es ist schwer zu sagen, wie viel von der guten Wirkung einer dramatischen Szene den Worten des Dichters, wie viel dem Ton und wie viel der Stellung und Bewegung der Schauspieler zuzuschreiben sei. Jedes hat einen sehr wesentlichen Anteil daran, darum ist die Pantomime gewiss ein wichtiges Stück der Vorstellung. Wir rechnen die Mine, die Stellung und alle Bewegungen, nicht nur der sprechenden, sondern auch aller anderen auf der Szene erscheinenden Personen dazu; hier aber schränken wir uns auf das eigentliche stumme Spiel oder auf dasjenige ein, was die in der Szene gegenwärtigen Personen zu tun haben, währender Zeit, da sie anderen zuhören oder selbst nicht sprechen.

  Dieser Teil der Kunst ist so wenig bearbeitet und erfordert, wenn er nur einiger maßen methodisch behandelt werden soll, die Betrachtung einer so großen Menge besonderer Fälle, aus deren Entwicklung die allgemeinen Grundsätze hergeleitet werden müssen; dass ich es nicht über mich nehmen kann, diese Materie förmlich abzuhandeln. Ich muss mich hier auf einige allgemeine Anmerkungen und einen Vorschlag, der auf eine wahre Theorie dieses Teils abzielt, einschränken.

 Nach meiner Empfindung wird gegen keinen Teil der Kunst öfter und schwerer gefehlet als gegen diesen, vornehmlich in Szenen, wo in Gegenwart mehrer Personen eine allein etwas lange spricht oder wo zwei das Gespräch eine Zeitlang allein fortsetzen. Allgemein ist so gar keine Wahrheit, so gar keine Natur in dem Betragen der nicht redenden Personen, dass die Täuschung, darin man etwa gewesen, plötzlich auf hört und einen merklichen Verdruss, den eine sehr falsche Kunst und ein höchst unnatürliches und erzwungenes Wesen verursachen, zurücklässt.

  Ein sehr allgemeiner Fehler ist es, dass die nicht redenden Personen, wenn das, was die redenden sagen, sie eigentlich nicht angeht, sich in Parade hinstellen als ob dem Zuschauer viel daran gelegen wäre, sie immer zur Aufwartung parat zu sehen. Die Natur gibt es an die Hand, dass, wenn zwei Personen für sich mit einander reden, das die anderen gegenwärtigen nicht intereßirt, diese inzwischen herumgehen oder sonst ohne allen Zwang und ohne alle Rücksicht, auf das, was die redenden angeht, sich der Phantasie desselben Augenblicks überlassen. Und dieses sollte doch eben nicht schwer sein. Diejenigen, die in einer solchen Szene nichts mehr zu sprechen haben, dürfen sich nur hinsetzen, wo sie wollen oder herumgehen oder einen anderen von der Gesellschaft allein nehmen, um ihm leise etwas zusagen. Da sehe ich gar keine Schwierigkeit darin, sich auf der Bühne eben so natürlich zu betragen als wenn man in wirklicher Gesellschaft wäre. Die hingegen, die noch zu sprechen haben, dürfen sich nur angewöhnen, währender Zeit, da sie etwas anders tun und ohne es sich merken zu lassen, genau auf die redenden Personen zu hören, damit sie zu rechter Zeit einfallen können. Dieses ist doch auch nicht sehr schwer.

 Mehr Überlegung und Kunst erfordern die alle vorhandene Personen interessierende Szenen, wobei etliche bloße Zuschauer sind oder doch eine beträchtliche Weile nichts zu sagen haben. Denn da muss jeder an dem, was er hört und sieht, Anteil nehmen und dieses muss auf eine höchst natürliche Weise geschehen.

 Hier machen die meisten Schauspieler es sich zu einer Regel, dass sie bei scherzhaften Szenen in einer oder wenn es die Umstände notwendig machen, in zwei Gruppen zusammenstehen und dass währender Szene an diesen Gruppen wenig verändert werde. Aber die Regel verleitet sie zu dem ärgsten Zwang. Wie es z.B. sehr natürlich ist, wenn eine geliebte Person in Ohnmacht hinsinket, dass alle dabei gegenwärtige um sie zusammenlaufen; so ist es auch oft höchst unnatürlich, dass sie währender Ohnmacht um sie herumbleiben. Der Schmerz macht viel zu unruhig als dass man dabei lang auf einer Stelle bleiben könnte. Viel natürlicher ist es, dass nach dem ersten Zusammenlauf und nachdem die Hilfe veranstaltet worden; einer sich vor Betrübnis auf einen Stuhl hinwirft, um sich seinem Schmerzen zu überlassen; ein anderer langsam an dem Orte der Szene, in Traurigkeit vertieft, herumirrt; ein dritter abgesondert vor sich steht und mit niedergesenktem Haupte, der Traurigkeit still nachhängt oder neben der leidenden Person steht u. d. gl. Hat er etwas zu reden, so kann er es an dem Orte tun, dahin der Schmerz ihn getrieben hat. Die einzige Schwierigkeit dabei ist diese, dass die Zuschauer, so viel möglich, jede Hauptperson im Gesichte behalten. Aber ehe man der Szene Zwang antut, ist es besser diese Erfordernis einmal fahren zu lassen.

  Erweckt aber eine interessante Szene lebhafte Leidenschaften, Freude, Zorn, Furcht, Schrecken, da es noch weit unnatürlicher ist, dass die Personen eine beträchtliche Zeit in einerlei Gruppen bleiben; da wird die Kraft der Szene durch Mangel oder das unnatürliche der Pantomine völlig vernichtet. Auf der deutschen tragischen Bühne wird nicht selten gerade da, wo das Schrecken oder der Schmerz des Mitleidens am höchsten steigen sollte, gelacht; und allemal ist eine verkehrte Pantomime daran schuld.

 Der komischen Bühne kann der Mangel der Pantomime alles Leben benehmen. Lustige Charaktere äußern sich allgemein am stärksten, durch Gebehrd und Bewegung des Leibes und davon hänget die Wirkung der meisten Szenen, weit mehr ab als von dem, was der Zuschauer hört. Man erinnere sich der Szene zwischen Frosine und Harpagon, in dem Geizigen des Moliere, die durch eine gute Pantomime des Harpagon, da wo er nichts redet, äußerst komisch wird. Sie ist aber im komischen, viel leichter als im tragischen; weil dort das Übertriebene oder nicht völlig Natürli che selbst, bisweilen etwas komisches hat. Die meisten komischen Originale haben in ihrem Äußerlichen etwas seltsam mimisches, das gegen das gewöhnliche Betragen der Menschen als übertrieben oder unnatürlich absticht.

 Diderot schlägt vor, dass der Dichter überall wo es nötig ist, den Schauspielern die Pantomime vorschreibe und führt sehr scheinbare Gründe dafür an. Aber ich befürchte, dass durch dieses Mittel, so bald die Vorschrift umständlich ist, den Schauspielern ein neuer Zwang angetan würde und dadurch die Ursachen der schlechten Pantomime sich vermehren möchten. Denn die Furcht die Sache nicht gut zu machen und der daraus entstehende Zwang hat eben den größten Anteil an so viel schlechten Vorstellungen und nur gar zu oft wird die Pantomime unnatürlich, weil man sich, um sie natürlich zu machen, genau an eine Vorschrift hat halten wollen. Das beste Mittel die Schauspieler zu unterrichten, scheint mir dieses zu sein, dass Kenner des Schauspiels die vornehmsten Szenen der bekanntesten Stücke vornehmen und über die Pantomime derselben, ihre Gedanken, mit guten Gründen unterstützt, eröffnen. Jeder Dichter, der ein neues dramatisches Stück herausgibt, könnte dieses in einer Vorrede dazu tun. Aber man müsste nicht umständliche noch entscheidende oder ausschließende Vorschriften geben. Jede Szene kann auf mehr als einerlei Weise pantomimisch gut ausgeführt werden.

 Zuerst also müssten über den wahren Charakter der Szene, die man besonders vornimmt, allgemeine, richtige Anmerkungen gemacht und die Natur der darin sich äußernden Leidenschaften genau und besonders auch nach ihren äußerlichen Wirkungen betrachtet werden. Hierauf könnten besondere Vorschläge, die ins Umständliche fallen, getan werden. Man müsste zeigen, auf wie vielerlei Art die Pantomime dieser Szene könnte angeordnet werden, deren jede mit ihrem Charakter übereinkäme und denn besonders zeigen, wie jede den allgemeinen Foderungen genug tue.

 Durch dergleichen einzelne kritische Beleuchtungen besonderer Szenen, würde man allmählich den Weg zu einer einfachen und wahren Theorie der Pantomime bahnen; Sammlungen solcher einzelnen Abhandlungen in den Händen der Schauspieler, würden diese zum gehörigen Nachdenken über ihre Kunst bringen und ohne ihnen Zwang anzutun, das besondere allemal noch ihrer eigenen Wahl überlassen.

  Pantomimische Tänze oder Ballette, sind solche, die eine wirkliche Handlung vorstellen und kommen den eigentlichen pantomimischen Vorstellungen der Alten etwas nahe. Es ist schon anderswo2 angemerkt worden, dass sie die einzigen Balette sind, die auf der Schaubühne erscheinen sollten.

 

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1 In feinen Reflexions sur la poesie et la peinture.

2 Art. Balett.

 


 © textlog.de 2004 • 19.11.2017 02:27:00 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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