Parodie

Parodie. (Dichtkunst) Waren bei den Griechen scherzhafte Gedichte, auch wohl nur einzelne Stellen, dazu ganze Verse oder einzelne Ausdrücke von ernsthaften Gedichten entlehnet oder doch nachgeahmt wurden. So ist das Gedicht des Maton, welches Athenäus aufbehalten1 worin eine Schwelgerei in homerischen oder dem Homer nachgeahmten Versen besungen wird. Es fängt es völlig im Tone der Ilias an. Nach des Aristoteles Bericht hat Hegemon von Thasos sie erfunden, nach dem Athenäus aber Hipponax. Gewiss ist, dass das Atheniensische Volk um die Zeit des Verfalles der Republick dieselben ungemein geliebt hat. Daher ist Aristophanes voll von Parodien einzelner Verse der besten tragischen Dichter.

 Heinrich Etienne oder Stephanus hat eine besondere Abhandlung davon geschrieben, die 1575 in Paris gedruckt ist.

 In den neueren Zeiten haben die Parodien vorzüglich in Frankreich ihre Liebhaber gefunden. Scarron hat die Äneis parodirt; aber erst lange nach ihm sind die förmlichen Parodien der Tragödien aufgekommen, eine der frevelhaftesten Erfindungen des ausschweifenden Witzes. Ich habe auf einer sehr gepriesenen französischen Schaubühne das nicht schlechte Trauerspiel Orestes und Pylades aufführen sehen, wobei die Logen und das Parterre sich ziemlich gleichgültig bezeigten. Beide wurden gegen das Ende des Schauspiels immer mehr angefüllt; und gleich nach dem Stück wurde eine Parodie von demselben vorgestellt, wobei der ganze Schauplaz äußerst lebhaft und das Händeklatschen, oft allgemein wurde.

 Man muss es weit im Leichtsin gebracht haben, um an solchen Parodien Gefallen zu finden und ich kenne nicht leicht einen größeren Frevel als den, der wirklich ernsthafte, so gar erhabene Dinge, lächerlich macht. Ein französischer Kunstrichter hat unlängst sehr richtig angemerkt, dass der leichtsinnige Geschmack an Parodien, unter anderm auch dieses verursacht habe, dass gewisse, recht sehr gute Szenen des Corneille die öffentliche Vorstellung deswegen nicht mehr vertragen.

 Da der größte Teil der müßigen Menschen weit mehr zum Leichtsinn als zum Ernste geneigt ist, so könnten durch Parodien die wichtigsten Gedichte und die erhabensten Schriften über wahrhaftig große Gegenstände, allmählich so lächerlich gemacht werden, dass die ganze schönere Welt sich derselben schämte. Man sieht gegenwärtig auch wirklich nicht geringe Proben davon.

Deswegen wollen wir doch nicht alle Parodien schlechthin verwerfen. Sie sind wenigstens zur Hemmung gewisser erhabener Ausschweifungen und des gelehrten, politischen und gottesdienstlichen übertriebenen Fanatismus, ein gutes Mittel. Man kann kaum sagen, ob es schädlicher sei über das Edle und Große mit einer fantastischen Einbildungskraft hinauszuschweifen oder mit einem unbezähmten Leichtsin die Schranken der Mäßigung im Lustigen zu überschreiten. Beides ist verderblich, wenn es bei einem Volk allgemein wird. Dieses ist nur durch die strenge Satyre und jenes durch das Lächerliche zu hemmen. Auch in der Gelehrsamkeit und in dem Geschmack gibt es einen pedantischen Fanatismus, gegen den die Parodie ein bewährtes Mittel ist. Davon haben wir an dem Chef d'œuvre d'un Inconnu ein Beispiel. Aber ohne sie zu so guten Absichten anzuwenden, sie bloß zum Lustigmachen brauchen, ist ein höchstverderblicher Missbrauch. Zum Glück hat der Leichtsin der Parodie unseren Parnaß noch nicht angesteckt, obgleich hier und da sich Spuren dieser Pest gezeigt haben. Und da sich die Anzahl gründlicher Kunstrichter in Deutschland noch immer vermehrt, so ist zu hoffen, dass sie sich bei Zeiten mit dem gehörigen Nachdruck dem Missbrauch wiedersetzen würden, so bald das Einreißen desselben zu befürchten sein möchte.

 

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1 Deipnos. L. IV.

 


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