Analoge Ähnlichkeiten


Nach den oben entwickelten Ansichten wird es begreiflich, wie wesentlich es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder Anpassungsähnlichkeit zu unterscheiden. LAMARCK hat zuerst die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und MACLEAY u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche zwischen dem Dugong, einem den Pachydermen verwandten Tiere, und den Walen in der Form des Körpers und der Bildung der vorderen ruderförmigen Gliedmassen, und jene, welche zwischen diesen beiden Säugetieren und den Fischen besteht, ist Analogie, So ist die Ähnlichkeit zwischen einer Maus und einer Spitzmaus (Sorex), welche zu verschiedenen Ordnungen gehören, eine analoge, ebenso auch die noch größere zwischen der Maus und einem kleinen Beuteltiere Australiens (Antechinus), welche Mr. MIVART hervorhebt. Wie mir scheint, lassen sich die letzteren Ähnlichkeiten durch Adaptation für ähnlich lebendige Bewegungen durch Dickichte und Pflanzenwuchs in Verbindung mit dem Verbergen vor Feinden erklären.

Bei den Insekten finden sich unzählige Beispiele dieser Art, daher LINNÉ, durch äußeren Anschein verleitet, wirklich ein Homopter unter die Motten gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivierten Varietäten in der auffallend ähnlichen Körperform bei den veredelten Rassen des chinesischen und gemeinen Schweines und in den verdickten Stämmen der gemeinen und der schwedischen Rübe. Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr auf Einbildung beruhende, als andere von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Tieren aufgesuchte Analogien.

Nach der Ansicht, dass Charaktere nur insofern von wesentlicher Bedeutung für die Klassifikation sind, als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlich einsehen, warum analoge oder Anpassungscharaktere, wenn auch von höchstem Werte für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker fast wertlos sind. Denn zwei Tiere von ganz verschiedener Abstammung können leicht ähnlichen Lebensbedingungen angepasst und sich daher äußerlich sehr ähnlich geworden sein: aber solche Ähnlichkeiten verraten keine Blutsverwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahre Blutsverwandtschaft der Formen zu verbergen. Wir begreifen hierdurch ferner das anscheinende Paradoxon, dass die nämlichen Charaktere analoge sind, wenn eine ganze Gruppe mit einer andern verglichen wird, aber für echte Verwandtschaft zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern einer und der nämlichen Gruppe untereinander handelt. So stellen Körperform und Ruderfüße der Wale nur eine Analogie zu denen der Fische dar, indem solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Tieres zum Schwimmen im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Walfamilie selbst; denn diese Teile sind durch die ganze Ordnung hindurch so sehr ähnlich, dass wir nicht an der Ererbung derselben von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können. Und ebenso ist es auch mit den Fischen.

Es ließen sich zahlreiche Fälle von auffallender Ähnlichkeit einzelner Teile oder Organe bei sonst völlig verschiedenen Wesen anführen, welche derselben Funktion angepasst worden sind. Ein gutes Beispiel bietet die große Ähnlichkeit der Kiefer beim Hunde und dem tasmanischen Wolfe, dem Thylacinus, dar, Tiere, welche im natürlichen System weit von einander getrennt stehen. Diese Ähnlichkeit ist aber auf die äußere Erscheinung beschränkt, wie das Vorragen der Eckzähne und die schneidende Form der Backzähne. Denn in Wirklichkeit weichen die Zähne sehr von einander ab; so hat der Hund auf jeder Seite der Oberkiefers vier falsche und nur zwei wahre Backzähne, während der Thylacinus drei falsche und vier wahre Backzähne hat. Auch weichen die Backzähne in den beiden Tieren sehr in der relativen Größe und in ihrer Struktur ab. Dem bleibenden Gebiss geht ein sehr verschiedenes Milchgebiss voraus. Es kann natürlich Jedermann leugnen, dass die Zähne in beiden Fällen durch die natürliche Zuchtwahl nacheinander auftretender Abänderungen zum Zerreissen von Fleisch angepasst worden sind: wird dies aber in dem einen Falle zugegeben, so ist es für mich unverständlich, dass man es im andern leugnen sollte. Ich sehe mit Freuden, dass eine so bedeutende Autorität wie Prof. FLOWER zu demselben Schlusse gelangt ist.

Die in einem frühern Kapitel mitgeteilten außerordentlichen Fälle, dass sehr verschiedene Fische elektrische Organe besitzen, — dass sehr verschiedene Insekten Leuchtorgane besitzen, — und dass Orchideen und Asclepiadeen Pollenmassen mit klebrigen Scheiben haben, gehören in die nämliche Kategorie analoger Ähnlichkeiten. Diese Fälle sind aber so wunderbar, dass sie als Schwierigkeiten oder Einwendungen gegen meine Theorie vorgebracht worden sind. In allen solchen Fällen lassen sich gewisse fundamentale Verschiedenheiten in dem Wachstum oder der Entwicklung der Teile und allgemein auch in ihrer reifen Struktur nachweisen. Der zu erreichende Zweck ist derselbe, aber die Mittel sind, wenn sie auch oberflächlich dieselben zu sein scheinen, wesentlich verschieden. Das früher unter dem Ausdruck »der analogen Abänderung« erwähnte Prinzip ist bei diesen Fällen wahrscheinlich häufig mit ins Spiel gekommen, d.h. die Glieder einer und derselben Klasse haben, wenn sie auch nur entfernt miteinander verwandt sind, so vieles in ihrer Konstitution Gemeinsame ererbt, dass sie geneigt sind, unter ähnlichen anregenden Ursachen auch in einer ähnlichen Art und Weise zu variieren; und dies wird offenbar das Erlangen von Teilen oder Organen, welche einander auffallend gleichen, durch natürliche Zuchtwahl, unabhängig von ihrer direkten Vererbung von einem gemeinsamen Urerzeuger, unterstützen.

Da zu verschiedenen Klassen gehörige Arten häufig durch sukzessive unbedeutende Modifikationen einem Leben unter nahezu ähnlichen Umständen angepasst worden sind, z.B. um die drei Elemente, Land, Luft und Wasser zu bewohnen, — so können wir vielleicht verstehen, woher es kommt, dass zuweilen zwischen den Untergruppen verschiedener Klassen ein Zahlenparallelismus beobachtet worden ist. Ein Naturforscher, dem ein Parallelismus dieser Art auffiele, könnte dadurch, dass er den Wert der Gruppen in verschiedenen Klassen (und alle unsere Erfahrung zeigt uns, dass deren Schätzung bis jetzt noch willkürlich ist) willkürlich erhöhte oder herabsetzte, den Parallelismus leicht sehr weit ausdehnen. In dieser Weise sind wahrscheinlich die Septenär-, Quinär-, Quaternär- und Ternär-Systeme entstanden.


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