Alter der bewohnbaren Erde


Diese Tatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird mit Recht als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen, um zu zeigen, dass doch vielleicht später eine Erklärung möglich ist. Aus der Natur der in den verschiedenen Formationen Europas und der Vereinigten Staaten vertretenen organischenwesen, welche keine sehr großen Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus der ungeheuren Maße der meilendicken Niederschläge, woraus diese Formationen bestehen, können wir zwar schließen, dass von Anfang bis zu Ende große Inseln oder Landstriche, aus welchen die Sedimente herbeigeführt wurden, in der Nähe der jetzigen Kontinente von Europa und Nordamerika existiert haben müssen. Dieselbe Ansicht ist seitdem auch von AGASSIZ und Anderen aufgestellt worden. Aber vom Zustande der Dinge in den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht zu sagen, ob während derselben Europa und die Vereinigten Staaten als trockene Länderstrecken oder als untermeerische Küstenflächen, auf welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder als Meeresboden eines offenen und unergründlichen Ozeans vorhanden waren.

Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Fläche wie das trockene Land einnehmen, so finden wir sie mit zahlreichen Inseln besäet; aber kaum eine einzige echt ozeanische Insel (mit Ausnahme von Neuseeland, wenn man dies eine echte ozeanische Insel nennen kann) hat bis jetzt einen Überrest von paläozoischen oder sekundären Formationen geliefert. Man kann daraus vielleicht schließen, dass während der paläozoischen und Sekundärzeit weder Kontinente noch kontinentale Inseln da existiert haben, wo sich jetzt der Ozean ausdehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden sich nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbeigeführten Schutte auch paläozoische und sekundäre Schichten gebildet haben, und es würden dann in Folge der Niveauschwankungen, welche während dieser ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls stattgefunden haben müssen, wenigstens teilweise Emporhebungen trockenen Landes erfolgt sein. Wenn wir also aus diesen Tatsachen irgend einen Schluss ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsere Weltmeere ausdehnen, solche schon seit den ältesten Zeiten, von denen wir Kunde besitzen, bestanden haben, und dass andererseits da, wo jetzt Kontinente sind, große Landstrecken existiert haben, welche von der kambrischen Zeit an zweifelsohne großem Niveauwechsel unterworfen gewesen sind. Die kolorierte Karte, welche meinem Werke über die Korallenriffe beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die großen Weltmeere noch jetzt hauptsächlich Senkungsfelder, die großen Archipele noch schwankende Gebiete und die Kontinente Hebungsgebiete sind. Aber wir haben kein Recht anzunehmen, dass diese Dinge sich seit dem Beginne dieser Welt gleich geblieben sind. Unsere Kontinente scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während vielfacher Höhenschwankungen entstanden zu sein. Aber können nicht die Felder vorwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch längerer Zeit umgetauscht haben? In einer unermesslich früheren Zeit vor der kambrischen Periode können Kontinente da existiert haben, wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offene Weltmeere da gewesen sein, wo jetzt die Kontinente emporragen. Auch würde man noch nicht anzunehmen berechtigt sein, dass z.B. das Bett des Stillen Ozeans, wenn es jetzt in einen Kontinent verwandelt würde, uns Sedimentärformationen, welche in erkennbarer Weise älter als die kambrischen Schichten sind, darbieten müsse, vorausgesetzt, dass solche früher abgelagert worden wären; denn es wäre wohl möglich, dass Schichten, welche dem Mittelpunkte der Erde um einige Meilen näher rückten und von dem ungeheuren Gewichte darüber stehender Wasser zusammengedrückt wurden, weit stärkere metamorphische Einwirkungen erfahren haben als jene, welche näher an der Oberfläche geblieben sind. Die in einigen Weltgegenden, wie z.B. in Südamerika vorhandenen unermesslichen Strecken unbedeckten metamorphischen Gebirges, welche der Hitze unter hohen Graden von Druck ausgesetzt gewesen sein müssen, haben mir immer einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und vielleicht darf man annehmen, dass in ihnen die zahlreichen schon lange vor der cambrischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig metamorphischen und entblössten Zustande zu erblicken sind.

Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufeinanderfolgenden geologischen Formationen zwar manche Mittelformen zwischen früher dagewesenen und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die unzähligen nur leicht abgestuften Zwischenglieder zwischen allen sukzessiven Arten finden, — dass ganze Gruppen verwandter Arten in unseren europäischen Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, — dass, so viel bis jetzt bekannt, ältere fossilführende Formationen noch unter den kambrischen Schichten fast gänzlich fehlen, — alle diese Schwierigkeiten sind zweifelsohne von größtem Gewichte. Wir ersehen dies am deutlichsten aus der Tatsache, dass die ausgezeichnetsten Paläontologen, wie CUVIER, AGASSIZ, BARRANDE, PICTET, FALCONER, EDW. FORBES und Andere, sowie alle unsere größten Geologen, LYELL, MURCHISON, SEDGWICK Etc. die Unveränderlichkeit der Arten einstimmig und oft mit großer Heftigkeit verteidigt haben. Jetzt unterstützt aber Sir CHARLES LYELL mit seiner großen Autorität die entgegengesetzte Ansicht und die meisten anderen Geologen und Paläontologen sind in ihrem Vertrauen sehr wankend geworden. Alle, welche die geologischen Urkunden für einigermaßen vollständig halten, werden zweifelsohne meine ganze Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen Teil betrachte (um LYELL's bildlichen Ausdruck durchzuführen) die geologischen Urkunden als eine Geschichte der Erde, unvollständig geführt und in wechselnden Dialekten geschrieben, von welcher Geschichte aber nur der letzte, bloß auf zwei oder drei Länder sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Und auch von diesem Bande ist nur hie und da ein kurzes Kapitel erhalten und von jeder Seite sind nur da und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache dieser Beschreibung, mehr oder weniger verschieden in den aufeinanderfolgenden Abschnitten, wird den Lebensformen entsprechen, welche in den aufeinanderfolgenden Formationen begraben liegen und welche uns fälschlich als plötzlich aufgetreten erscheinen. Nach dieser Ansicht werden die oben erörterten Schwierigkeiten zum großen Teile vermindert, oder sie verschwinden selbst.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.10.2005 
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