Länge der verflossenen Zeit nach Jahren abgeschätzt


Und doch ist dieser Eindruck teilweise unrichtig. CROLL macht in einem interessanten Aufsatze die Bemerkung, dass wir nicht darin irren, »uns eine zu große Länge der geologischen Perioden vorzustellen«, wohl aber in der Schätzung derselben nach Jahren. Wenn Geologen große und komplizierte Erscheinungen beobachten und dann die Zahlen betrachten, welche mehrere Millionen Jahre ausdrücken, so bringen diese beiden einen völlig verschiedenen Eindruck hervor, und die Zahlen werden sofort für zu klein erklärt. Aber in Bezug auf die atmosphärische Denudation weist GROLL durch Berechnung der bekannten, jährlich von gewissen Flüssen herabgeführten Sedimentmenge, im Verhältnis zu ihrem Entwässerungsgebiete, nach, dass 1000 Fuß eines durch atmosphärische Agentien aufgelösten Gesteines von dem mittleren Niveau des ganzen Gebietes im Laufe von sechs Millionen Jahren entfernt werden würden. Dies Resultat erscheint staunenswert, und mehrere Beobachtungen führen zu der Vermutung, dass es viel zu groß sein dürfte; aber selbst wenn es halbiert oder geviertelt würde, ist es immer noch sehr überraschend. Wenige unter uns wissen indess, was eine Million wirklich heisst. GROLL Gibt die folgende Illustration: man nehme einen schmalen Papierstreifen

83 Fuß 4 Zoll lang und ziehe ihn der Wand eines großen Saales entlang; dann bezeichne man an einem Ende das Zehntel eines Zolles. Dieser Zehntel-Zoll stellt ein hundert Jahre dar und der ganze Streifen eine Million Jahre. Man muss sich aber nun, in Bezug auf die eigentliche Aufgabe des vorliegenden Buches daran erinnern, was einhundert Jahre bedeuten, wenn man sie in einem Saale von der bezeichneten Größe durch ein völlig unbedeutendes Maß bezeichnet hat. Mehrere ausgezeichnete Züchter haben während einer einzigen Lebenszeit einige der höheren Tiere, welche ihre Art weit langsamer fortpflanzen als die meisten niederen Tiere, so bedeutend modifiziert, dass sie das gebildet haben, was wohl neue Unterrassen genannt zu werden verdient. Wenig Menschen haben mit der nötigen Sorgfalt irgend einen besondern Schlag von Tieren länger als ein halbes Jahrhundert gezüchtet, so dass hundert Jahre die Arbeit zweier aufeinanderfolgender Züchter darstellen. Man darf aber nicht annehmen, dass die Spezies im Naturzustande je so schnell sich verändern wie domestizierte Tiere unter der Leitung methodischer Zuchtwahl. Der Vergleich würde nach allen Richtungen hin passender sein, wenn man ihn mit Bezug auf die Resultate unbewusster Zuchtwahl anstellte, d. h. mit der Erhaltung der nützlichsten oder schönsten Tiere ohne die Absicht die Rasse zu modifizieren; und doch sind durch diesen Prozess unbewusster Zuchtwahl mehrere Rassen im Verlauf von zwei oder drei Jahrhunderten merkwürdig verändert worden.

Spezies andern indes wahrscheinlich viel langsamer, und innerhalb einer und derselben Gegend ändern nur wenige zu derselben Zeit ab. Diese Langsamkeit rührt daher, dass alle Bewohner derselben Gegend bereits so gut aneinander angepasst sind, dass neue freie Stellen im Naturhaushalte erst nach langen Zwischenräumen vorkommen, wenn Veränderungen irgend welcher Art in den physikalischen Bedingungen oder in Folge von Einwanderung neuer Formen eingetreten sind; auch dürften individuelle Differenzen oder Abänderungen der richtigen Art, durch welche einige der Bewohner besser den neuen Stellen unter den veränderten Umständen angepasst werden, nicht immer sofort auftreten. Unglücklicherweise haben wir, um es in Jahren ausdrücken zu können, kein Mittel zu bestimmen, eine wie große Periode zur Modifizierung einer Art erforderlich ist; aber auf das Kapitel von der Zeit müssen wir später zurückkommen.


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