Dithyramben

Dithyramben. (Dichtkunst) Diesen Namen führten bei den Griechen gewisse Lieder oder Oden, die dem Bacchus zu Ehren gesungen wurden. Da von dieser lyrischen Dichtart nichts auf unsere Zeiten gekommen ist, so lässt sich auch nicht ganz bestimmen, wodurch sie sich von anderen verwandten Arten ausgezeichnet habe. Sie wurden bei den Opfern des Bacchus, in der phrygischen Tonart abgesungen, wenn die Sänger gut betrunken waren [Athen L. XIV.]; daher leicht zu urteilen ist, dass sowohl das Gedicht als die Musik etwas ausschweifendes und wildes gehabt haben müssen. Vermutlich hatten sie auch viel Dunkles, das das Ansehen einer geheimen Bedeutung haben sollte; denn Aristophanes setzt die Dithyrambendichter mit den Sophisten, Wahrsagern und Marktschreiern in eine Klasse und hält sie für Windbeutel, die mit großen und künstlich zusammen gesetzten Worten nichts sagen [In dem Lustspiel die Wolken 1 Aufz. 4 Auftr.]. Man weiß, dass die Religion des Bacchus viel Geheimnisvolles hatte und da ohne dem betrunkene Leute weder ihre Ausdrücke noch ihre Gedanken genau abmessen, so war es natürlich, dass die Dithyramben in Gedanken und Ausdrücken etwas ganz besonders und zum Teil ausschweifendes und verwegenes haben müssten. Horaz bezeichnet den Charakter der von Pindar verfertigten Dithyramben durch drei Züge.

 

– per audaces nova Dithyrambos

Verba devolvit, numerisque fertur Lege solutis. [Od. L. IV. 2]

 

Er nennt die ganze Dichtungsart kühn oder verwegen, vermutlich wegen des rasenden Tones derselben; denn schreibt er ihr neue Wörter zu, die in der Tat sehr häufig müssen vorgekommen sein, da der dithyrambische Ausdruck zum Sprichwort worden; endlich sagt er, sie binden sich an kein Metrum. Ein alter Scholastiker merkt hierbei an, dass der Gesang mit einerlei Stimme oder Ton, vom Niederschlag bis zum Aufschlag fortgegangen. Aus diesem allem aber lässt sich doch die eigentliche Beschaffenheit dieser Lieder nicht genau erkennen. Pindar sagt, sie seien in Korinth zuerst aufgekommen und Aristoteles gibt den Arion für ihren Erfinder an.

Ein deutscher Dichter hat vor einigen Jahren Oden unter dem Titel Dithyramben herausgegeben, deren Inhalt aber nicht Bacchus, sondern Siege- und Kriegestaten sind. Der Zweck des Dichters war, wie er selbst sagt; kühne lyrische Poesien zu liefern, die den höchsten Grad der Begeisterung hätten und in einer de selben angemessenen rauschenden und volltönenden Sprache vorgetragen wären. Dieses sind also nur in ganz uneigentlichem Verstande Dithyramben [s. Briefe über die n. Literatur XXI Teil S. 42 u.s.w.].

Überhaupt scheint der gegenwärtige Gebrauch der Dichtkunst, nach welchem sie von öffentlichen Feierlichkeiten, wenigstens von solchen, wo eine hüpfende Begeisterung statt hätte, ausgeschlossen ist, auch die eigentlichen und uneigentlichen Dithyramben von unseren Dichtungsarten auszuschließen. Wir wollen nicht in Abrede sein, dass eine etwas ausgelassene Freude bisweilen gute Wirkung auf Leib und Gemüt haben könne und also das Horazische Dulce est desipere in loco gern unterschreiben; aber dazu sind eben keine Dithyramben notwendig.


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