Wie, noch immer


Wie, noch immer in den braunen

Locken dieses weiße Band? -

Denkst du noch, was meiner Launen

Buntes Gaukelspiel erfand?

Denkst du noch, wie wir verstohlen

Abends durch den Garten irrten,

Wenn die Dämmrungsvögel schwirrten

Um den Kelch der Nachtviolen?

Wie wir still zur Laube nieder

Schlichen an dem Bach entlang,

Wo ich meine leichten Lieder

Dir mit halber Stimme sang?

Wie du Lindenblüten pflücktest,

Wie du sie, zum Kranz verschlungen,

Lächelnd auf die Stirn mir drücktest

Für das Lied, das ich gesungen?

 

Denkst du noch, mein holdes Mädchen,

Wie du mir im Arm gesessen?

Sprich, mein wunderholdes Mädchen,

Hast du alles nicht vergessen? -

An mein Herz will ich sie drücken,

Die mein Herz gefesselt hält --

Und vor meinen offnen Blicken

Wimmelt eine fremde Welt. -

So wenn in des Bechers Runde

Perl' an Perle steigt und schäumt,

Spiegelnd aus dem goldnen Grunde,

Was das Herz des Zechers träumt.

Wohlbekannte Bilder grüßen

In das trunkne Aug hinein;

Doch die Lippen wollen küssen,

Und es flieht der holde Schein.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 22:15:22 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.09.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright