Abstufungen der Instinkte


Man wird allgemein zugeben, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies unter ihren jetzigen Existenzbedingungen Instinkte eben so wichtig sind, wie die Körperbildung. Ändern sich die Lebensbedingungen einer Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in ihrem Instinkte für sie nützlich sein werden. Wenn sich nun nachweisen lässt, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig, variieren, dann kann ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass natürliche Zuchtwahl auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch beständige Häufung bis zu einem vorteilhaften Grade vermehre. In dieser Weise dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und wunderbarsten Instinkte entstanden sein. Wie Abänderungen im Körperbau durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt, dagegen durch Nichtgehrauch verringert oder ganz eingebüsst werden können, so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten der Fall gewesen. Ich glaube aber, dass die Wirkungen der Gewohnheit in vielen Fällen von ganz untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den Wirkungen natürlicher Zuchtwahl auf sogenannte spontane Abänderungen des Instinktes, d.h. auf Abänderungen in Folge derselben unbekannten Ursachen, welche geringe Abweichung in der Körperbildung veranlassen.

Kein zusammengesetzter Instinkt kann möglicherweise durch natürliche Zuchtwahl anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringer, aber nutzbarer Abänderungen hervorgebracht werden. Daher müssten wir, wie bei der Körperbildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen Übergangsstufen, die jeder zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat, — die ja bei jeder Art nur in ihren Vorgängern gerader Linie zu entdecken sein würden —, wohl aber einige Beweise für solche Abstufungen in den Seitenlinien von gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass irgend welche Abstufungen möglich sind; und dies sind wir sicher im Stande. Bringt man aber selbst in Rechnung, dass fast nur die Instinkte von in Europa und Nord-Amerika lebenden Tieren näher beobachtet worden und die der untergegangenen Tiere uns ganz unbekannt sind, so war ich doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis zu den Instinkten der zusammengesetztesten Art entdecken lassen. Instinktänderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschiedenen Lebensperioden oder Jahreszeiten besitzt, oder wenn sie unter andere äußere Lebensbedingungen versetzt wird u.s.w., in welchen Fällen dann wohl entweder nur der eine oder nur der andere Instinkt durch natürliche Zuchtwahl erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des Instinktes bei einer und derselben Art lassen sich in der Natur nachweisen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 12.08.2006 
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