Sklavenmachende Ameisen


Instinkt Sklaven zu machen. Dieser merkwürdige Instinkt wurde zuerst bei Formica (Polyerges) rufescens von PIERRE HUBER beobachtet, einem noch besseren Beobachter als selbst sein berühmter Vater gewesen war. Diese Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig; ohne deren Hülfe würde die Art sicherlich schon in einem Jahre gänzlich aussterben. Die Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten durchaus nicht. Die Arbeiter oder unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr mutig und tatkräftig beim Sklavenfangen, tun nichts anderes. Sie sind unfähig, ihre eigenen Nester zu machen oder ihre eigenen Larven zu füttern. Wenn das alte Nest unpassend befunden und eine Auswanderung nötig wird, entscheiden die Sklaven darüber und schleppen dann ihre Herren zwischen den Kinnladen fort. Diese letzteren sind so äußerst hilflos, dass, als HUBER deren dreissig ohne Sklaven, aber mit einer reichlichen Menge des von ihnen am meisten geliebten Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Tätigkeit anzuspornen, zusammensperrte, sie nichts taten; sie konnten nicht einmal sich selbst füttern und starben großenteils Hungers. HUBER brachte dann einen einzigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk machte, die Larven pflegte und alles in Ordnung brachte. Was kann es Ausserordentlicheres geben, als diese wohlverbürgten Tatsachen? Hätte man nicht noch von einigen anderen sklavenmachenden Ameisen Kenntnis, so würde es ein hoffnungsloser Versuch gewesen sein, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher Vollkommenheit gedeihen könne.

Eine andere Ameisenart, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst von HUBER als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen Teile von England vor, wo ihre Gewohnheiten von F. SMITH vom Britischen Museum beobachtet worden sind, dem ich für seine Mitteilungen über diese und andere Gegenstände sehr verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen sein, wenn Jemand an einen so außerordentlichen Instinkt, wie der ist, Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nesthaufen der Formica sanguinea und fand in allen einzelne Sklaven. Männchen und fruchtbare Weibchen der Sklavenart (Formica fusca) kommen nur in ihrer eigenen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der Formica sanguinea gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der halben Größe ihrer roten Herren, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung sogleich auffällt. Wird der Haufe nur wenig gestört, so kommen die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Herren sehr beunruhigt und zur Verteidigung bereit. Wird aber der Haufe so zerstört, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die Sklaven mit ihren Herren zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach einem sichern Platze fort zu schleppen. Daraus geht deutlich hervor, dass sich die Sklaven ganz heimisch fühlen. Ich habe während der Monate Juni und Juli in drei aufeinanderfolgenden Jahren in den Grafschaften Surrey und Sussex mehrere solcher Ameisenhaufen stundenlang beobachtet und nie einen Sklaven aus- oder eingehen sehen. Da während dieser Monate der Sklaven nur wenige vorhanden sind, so dachte ich, sie würden sich anders benehmen, wenn sie in größerer Anzahl vorhanden wären; aber auch Hr. SMITH teilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen Stunden während der Monate Mai, Juni und August in Surrey wie in Hampshire beobachtet und, obwohl die Sklaven im August zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder eingehen gesehen hat. Er betrachtet sie daher lediglich als Haussklaven. Dagegen sieht man ihre Herren beständig Nestbaustoffe und Futter aller Art herbeischleppen. Im Jahre 1860 jedoch traf ich im Juli eine Gemeinde an mit einem ungewöhnlich starken Sklavenstande und sah einige wenige Sklaven, unter ihre Herren gemengt, das Nest verlassen und mit ihnen den nämlichen Weg zu einer hohen Kiefer, fünfundzwanzig Yards entfernt, einschlagen und am Stamm hinauf laufen, wahrscheinlich um nach Blatt- oder Schildläusen zu suchen. Nach HUBER, welcher reichliche Gelegenheit zur Beobachtung gehabt hat, arbeiten in der Schweiz die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herren zusammen an der Aufführung des Nestes, aber sie allein öffnen und schließen die Thore in den Morgen- und Abendstunden; jedoch ist, wie HUBER Ausdrücklich versichert, ihr Hauptgeschäft, nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den herrschenden Gewohnheiten von Herren und Sklaven in zweierlei Gegenden dürfte wahrscheinlich lediglich davon abhängen, dass in der Schweiz die Sklaven zahlreicher gefangen werden als in England.

Eines Tages war ich so glücklich, eine Wanderung von Formica sanguinea von einem Nesthaufen zum andern mitanzusehen, und es war ein sehr interessanter Anblick, wie die Herren ihre Sklaven sorgfältig zwischen ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen zu werden, wie es bei Formica rufescens der Fall ist. Eines andern Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der Sklavenmachenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle durchstreiften, doch offenbar nicht des Futters wegen. Sie näherten sich einer unabhängigen Kolonie der Sklavengebenden Art, Formica fusca, wurden aber kräftig zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den Beinen einer Formica sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr neunundzwanzig Yards entferntes Nest; aber sie wurde daran gehindert, Puppen aufzunehmen, um sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen der Formica fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle Stelle nächst dem Kampfplatz nieder. Diese wurden begierig von den Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten, doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu sein.

Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen einer andern Art, der Formica flava, mit einigen wenigen Ameisen dieser gelben Art nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art wird zuweilen, doch selten zu Sklaven gemacht, wie SMITH beschrieben hat. Obwohl so klein, so ist diese Art doch sehr mutig, und ich habe sie mit wildem Ungestüm andere Ameisen angreifen sehen. Einmal fand ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie der Formica flava noch unterhalb eines Nestes der Sklavenmachenden Formica sanguinea; und da ich zufällig beide Nester zerstört hatte, so griff die kleine Art ihre große Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich war nun neugierig, zu erfahren, ob Formica sanguinea im Stande sei, die Puppen der Formica fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklavenzucht verwendet, von denen der kleinen wüthenden Formica flava zu unterscheiden, welche sie nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie diese sofort unterschied; denn ich sah sie begierig und augenblicklich über die Puppen der Formica fusca herfallen, während sie sehr erschrocken schienen, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde aus dem Neste der Formica flava stiessen, und rasch davon rannten. Aber nach einer Viertelstunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen fortgekrochen waren, bekamen sie Muth und führten auch diese Puppen fort.

Eines Abends besuchte ich eine andere Kolonie der Formica sanguinea und fand eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und beim Eingang in ihr Nest, Leichen und viele Puppen der Formica fusca mit sich schleppend, also nicht auf einer Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine ungefähr vierzig Yards lange Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Heidegebüsch zurück, wo ich das letzte Individuum der Formica sanguinea mit einer Puppe belastet herauskommen sah; aber das verlassene Nest konnte ich in der dichten Heide nicht finden, obwohl es nicht mehr fern gewesen sein kann; denn zwei oder drei Individuen der Formica fusca rannten in der größten Aufregung umher und eines stand bewegungslos auf der Spitze eines Heidezweiges mit ihrer eigenen Puppe im Maul, ein Bild der Verzweiflung über ihre verwüstete Heimat.

Dies sind die Tatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmachenden Instinkt berichten kann. Zuerst ist der große Gegensatz zwischen den instinktiven Gewohnheiten der Formica sanguinea und der kontinentalen Formica rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest, bestimmt nicht ihre eigenen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die Formica sanguinea dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Teile des Sommers äußerst wenige Sklaven; die Herren bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut werden soll; und wenn sie wanderen, schleppen die Herren die Sklaven. In der Schweiz wie in England scheinen die Sklaven ausschließlich mit der Sorge für die Larven beauftragt zu sein, und die Herren allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der Schweiz arbeiten Herren und Sklaven miteinander, um Nestbaumaterial herbeizuschaffen; beide, aber vorzugsweise die Sklaven, besuchen und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und so sammeln beide Nahrung für die Kolonie ein. In England verlassen allein die Herren gewöhnlich das Nest, um Baustoffe und Futter für sich, ihre Larven und Sklaven anzusammeln, so dass dieselben hier von ihren Sklaven viel weniger Dienste empfangen als in der Schweiz.

Ich will mich nicht vermessen zu erraten, auf welchem Wege der Instinkt der Formica sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen, welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um ihr Nest zerstreute Puppen anderer Arten heimschleppen, so ist es möglich, dass sich solche, vielleicht zur Nahrung aufgespeicherte Puppen dort auch noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Hause erzogenen Fremdlinge mögen dann ihren eigenen Instinkten folgen und das tun, was sie können. Erweist sich ihre Anwesenheit nützlich für die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu, Arbeiter zu fangen als zu erzeugen, so kann der ursprünglich zufällige Brauch, fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln, durch natürliche Zuchtwahl verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke, Sklaven zu erziehen, bleibend befestigt werden. Wenn dieser Instinkt einmal vorhanden, aber in einem noch viel minderen Grade als bei unserer Formica sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt, wie wir gesehen haben, in England von ihren Sklaven weniger Hülfe als in der Schweiz empfängt, so kann natürliche Zuchtwahl dann diesen Instinkt verstärkt, und immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der Spezies nützlich gewesen sei, allmählich so weit abgeändert haben, dass endlich eine Ameisenart in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren eigenen Sklaven entstand, wie es Formica rufescens ist.


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