Natürliche Zuchtwahl vermeintlich ungenügend, die Anfangsstufen nützlicher Gebilde zu erklären


Ein ausgezeichneter Zoolog, Mr. ST. GEORGE MIVART, hat vor Kurzem alle die Einwände gegen die Theorie der natürlichen Zuchtwahl, wie sie von WALLACE und mir aufgestellt worden ist, zusammengestellt und sie mit viel Geschick und Nachdruck erläutert. In dieser Art vorgeführt bilden sie eine furchteinflössende Heeresmacht; und da es nicht in Mr. MIVART's Plan lag, die verschiedenen, seinen Schlussfolgerungen entgegenstehenden Tatsachen und Betrachtungen aufzuführen, so wird dem Leser, welcher die für beide Seiten der Frage vorzubringenden Beweise etwa zu erwägen wünscht, keine kleine Anstrengung des Verstandes und Gedächtnisses zugemutet. Bei der Erörterung spezieller Fälle übergeht Mr. MIVART die Wirkungen des vermehrten Gebrauchs und Nichtgebrauchs an Teilen, von welchen ich immer behauptet habe, dass sie sehr bedeutungsvoll seien, und welche ich in meinem Buche über »das Variieren im Zustande der Domestikation« in größerer Ausführlichkeit behandelt habe, als wie ich glaube irgend ein anderer Schriftsteller. Er nimmt auch häufig an, dass ich der Abänderung unabhängig von natürlicher Zuchtwahl nichts zuschreibe, während ich in dem oben angezogenen Werke eine größere Zahl von sicher begründeten Tatsachen zusammengestellt habe, als in irgend einem andern mir bekannten Werke zu finden ist. Mein Urteil mag vielleicht nicht zuverlässig sein; aber nachdem ich Mr. MIVART's Buch sorgfältig durchgelesen und jeden Abschnitt mit dem verglichen hatte, was ich über denselben Gegenstand gesagt habe, fühlte ich mich von der allgemeinen Gültigkeit der Schlussfolgerungen, zu denen ich hier gelangt bin, so sehr überzeugt, wie noch nie zuvor, wenn dieselben auch natürlicherweise bei einem so verwickelten Gegenstande dem Irrtume im Einzelnen sehr ausgesetzt sind.

Alle Einwände Mr. MIVART's werden in dem vorliegenden Bande betrachtet werden oder sind bereits in Betracht gezogen worden. Der eine neue Satz, welcher viele Leser frappiert zu haben scheint, ist, »dass natürliche Zuchtwahl ungenügend ist, die Anfangsstufen nützlicher Struktureinrichtungen zu erklären.« Dieser Gegenstand steht in innigem Zusammenhang mit der Abstufung der Charaktere, welche oft von einer Änderung der Funktion begleitet wird, — z.B. die Umwandlung einer Schwimmblase in Lungen —, Punkte, welche in dem letzten Kapitel von zwei Gesichtspunkten aus erörtert wurden. Nichtsdestoweniger will ich hier einige von Mr. MIVART vorgebrachte Fälle in ziemlicher Ausführlichkeit betrachten und dabei die illustrativsten auswählen, da mich der Mangel an Raum abhält, sie alle durchzugehen.

Der ganze Körperbau der Giraffe ist durch deren hohe Statur, den sehr verlängerten Hals, Vorderbeine, Kopf und Zunge wundervoll für das Abweiden hoher Baumzweige angepasst. Sie kann dadurch Nahrung erlangen jenseits der Höhe, bis zu welcher die anderen Ungulaten oder Huftiere, welche dieselbe Gegend bewohnen, hinaufreichen können; und dies wird während der Zeiten der Hungersnöte für sie ein großer Vorteil sein. Das Niata-Rind in Süd-Amerika zeigt uns, welchen bedeutenden Unterschied im Erhalten des Lebens eines Tieres geringe Verschiedenheit im Bau während derartiger Zeiten bewirken könne. Diese Rinder können ebensogut wie andere Gras abweiden; aber wegen des Vorspringens des Unterkiefers können sie während der häufig wiederkehrenden Zeiten der Dürre die Zweige der Bäume, Rohr u. s, w., zu welcher Nahrung das gewöhnliche Rind und die Pferde dann getrieben werden, nicht abpflücken; so dass in solchen Zeiten die Niata-Rinder umkommen, wenn sie nicht von ihren Besitzern gefüttert werden. Ehe wir auf Mr. MIVART's Einwand kommen, wird es zweckmäßig sein, noch einmal zu erklären, wie die natürliche Zuchtwahl in allen gewöhnlichen Fällen wirken wird. Der Mensch hat einige seiner Tiere dadurch modifiziert, — ohne notwendig auf spezielle Punkte ihres Baues zu achten —, dass er einfach entweder die flüchtigsten Tiere erhalten und zur Zucht benutzt hat, wie bei den Rennpferden und Windhunden, oder dass er von den siegreichen Tieren weiter gezüchtet hat, wie bei den Kampfhühnern. So werden im Naturzustande, als die Giraffe entstand, diejenigen Individuen, welche am höchsten abweiden und in Zeiten der Hungersnöthe im Stande waren, selbst nur einen oder zwei Zoll höher hinauf zu reichen als die anderen, oft erhalten worden sein, denn sie werden die ganze Gegend beim Suchen von Nahrung durchstrichen haben. Dass die Individuen einer und der nämlichen Art häufig unbedeutend in der relativen Länge aller ihrer Teile verschieden sind, lässt sich aus vielen naturgeschichtlichen Werken ersehen, in denen sorgfältige Messungen gegeben sind. Diese geringen proportionalen Verschiedenheiten, welche Folgen der Wachstums- und Abänderungsgesetze sind, sind für die meisten Spezies nicht vom mindesten Nutzen oder bedeutungsvoll. Aber bei der Giraffe wird es sich während des Prozesses ihrer Bildung in Anbetracht ihrer wahrscheinlichen Lebensweise anders verhalten haben; denn diejenigen Individuen, welche irgend einen Teil oder mehrere Teile ihres Körpers etwas mehr als gewöhnlich verlängert hatten, werden allgemein leben geblieben sein. Diese werden sich gekreuzt und Nachkommen hinterlassen haben, welche entweder dieselben körperlichen Eigentümlichkeiten oder die Neigung, wieder in derselben Art und Weise zu variieren, erbten, während in demselben Punkte weniger begünstigte Individuen dem Aussterben am meisten ausgesetzt waren.

Wir sehen hier, dass es nicht nötig ist, einzelne Paare zu trennen, wie es der Mensch tut, wenn er eine Rasse methodisch veredelt; die natürliche Zuchtwahl wird alle vorzüglichen Individuen erhalten und damit separieren, ihnen gestatten, sich reichlich zu kreuzen und alle untergeordneteren Individuen zerstören. Dauert dieser Prozess, welcher genau dem entspricht, was ich beim Menschen unbewusste Zuchtwahl genannt habe, lange Zeit an, ohne Zweifel in einer äußert bedeutungsvollen Weise mit den vererbten Wirkungen des vermehrten Gebrauchs der Teile kombiniert, so scheint es mir beinahe sicher zu sein, dass ein gewöhnliches Huftier in eine Giraffe verwandelt werden könnte.

Gegen diese Folgerung bringt Mr. MIVART zwei Einwendungen vor. Die eine ist, dass er sagt, die vermehrte Körpergröße würde offenbar eine vergrößerte Nahrungsmenge erfordern, und er hält es für »problematisch, ob die daraus entstehenden Nachteile nicht in Zeiten, wo die Nahrung knapp ist, die Vorteile mehr als aufwiegen würden.« Da aber die Giraffe faktisch in Süd-Afrika in großer Anzahl existiert und da einige der größten Antilopen der Welt, größer als ein Ochse, dort äußerst zahlreich sind, warum sollten wir daran zweifeln, dass, soweit die Größe in Betracht kommt, zwischen inneliegende Abstufungen früher dort existiert haben und wie jetzt schweren Hungerszeiten ausgesetzt gewesen sind? Sicherlich wird die Fähigkeit, auf jeder Stufe der vermehrten Größe einen Nahrungsvorrat erreichen zu können, welcher von den anderen huftragenden Säugetieren des Landes unberührt gelassen wurde, für die entstehende Giraffe von Vorteil gewesen sein. Auch dürfen wir die Tatsache nicht übersehen, dass vermehrte Körpergröße als Schutz gegen beinahe alle Raubtiere, mit Ausnahme des Löwen, dienen wird; und gegen dies Tier wird, wie CHAUNCEY WRIGHT bemerkt hat, ihr langer Hals, und zwar je länger je besser, als Wachtthurm dienen. Es ist gerade dieser Ursache wegen, wie Sir S. BAKER bemerkt, dass kein Tier so schwer zu jagen ist wie die Giraffe. Das Tier gebraucht auch seinen langen Hals als Angriffs- und Verteidigungsmittel, dadurch, dass es seinen mit stumpfartigen Hörnern bewaffneten Kopf heftig herumschwingt. Die Erhaltung einer jeden Spezies kann selten durch einen einzigen Vorteil bestimmt werden, wohl aber durch eine Vereinigung aller, größer und kleiner.

Mr. MIVART fragt dann (und dies ist sein zweiter Einwand): wenn natürliche Zuchtwahl so vielvermögend ist und wenn die Fähigkeit, hoch hinauf die Zweige abweiden zu können, ein so großer Vorteil ist, warum hat da kein anderes huftragendes Säugetier, außer der Giraffe und in einem geringen Grade dem Kamel, Guanaco und der Macrauchenia, einen langen Hals erhalten? oder ferner, warum hat kein Glied der Gruppe einen langen Rüssel erhalten? In Bezug auf Süd-Afrika, welches früher von zahlreichen Herden der Giraffe bewohnt wurde, ist die Antwort nicht schwer und kann am besten durch ein Beispiel erläutert werden. Auf jeder Wiese in England, auf welcher Bäume wachsen, sehen wir die niedrigen Zweige durch das Abweiden der Pferde oder Rinder bis genau zu gleicher Höhe gestutzt oder eingeebnet; und was für ein Vorteil würde es nun z.B. für Schafe sein, wenn solche da gehalten würden, unbedeutend längere Hälse zu erlangen? Auf jedem Gebiete wird irgend eine Art von Tieren beinahe sicher im Stande sein, ihr Futter höher herab zu holen als andere; und es ist beinahe gleich sicher, dass allein diese eine Art ihren Hals durch natürliche Zuchtwahl und die Wirkungen vermehrten Gebrauchs zu diesem Behufe verlängert erhalten wird. In Süd-Afrika muss die Konkurrenz um das Abweiden höherer Zweige der Akazien und anderer Bäume zwischen Giraffen und Giraffen und nicht zwischen diesen und anderen huftragenden Säugetieren bestehen.

Warum in anderen Teilen der Welt verschiedene zu dieser nämlichen Ordnung gehörige Tiere nicht entweder einen verlängerten Hals oder einen Rüssel erhalten haben, kann nicht bestimmt beantwortet werden; es ist aber ebenso unverständig, auf eine solche Frage eine bestimmte Antwort zu erwarten, wie auf die, warum irgend ein Ereigniss in der Geschichte der Menschheit sich nicht in einem Lande zugetragen hat, während es sich in einem andern zutrug. In Bezug auf die Bedingungen, welche die Zahlenverhältnisse und die Verbreitung einer jeden Spezies bestimmen, sind wir unwissend; und wir können nicht einmal vermuten, was für Strukturänderungen vorteilhaft wären, um sie in irgend einem neuen Lande vermehren zu lassen. In einer allgemeinen Art und Weise können wir indessen sehen, dass verschiedene Ursachen die Entwicklung eines langen Halses oder eines Rüssels gehindert haben dürften. Um das Laub der Bäume von einer beträchtlichen Höhe herab erreichen zu können, ist (ohne die Fähigkeit zu klettern, wofür die Huftiere ganz besonders ungeschickt gebaut sind) eine bedeutend vermehrte Körpergröße notwendig; und wir wissen, dass einige Gebiete merkwürdig wenig große Säugetiere ernähren, wie z.B. Süd-Amerika, trotzdem es ein so üppiges Land ist, während Süd-Afrika deren in einem ganz unvergleichlichen Grade besitzt. Warum sich dies so verhält, wissen wir nicht, auch nicht, warum die späteren Zeiten der Tertiärperiode so viel günstiger für ihre Existenz gewesen sind, als die Jetztzeit. Was auch die Ursachen davon sein mögen, wir können einsehen, dass gewisse Gebiete und Zeiten für die Entwicklung eines so großen Säugetieres, wie die Giraffe ist, viel günstiger als andere gewesen sein werden.

Damit ein Tier irgend ein Gebilde besonders und in bedeutender Entwicklung erhalte, ist es beinahe unumgänglich notwendig, dass mehrere andere Teile modifiziert und einander angepasst werden. Obgleich jeder Teil des Körpers unbedeutend variiert, so folgt doch daraus nicht, dass die notwendigen Teile immer in dem richtigen Sinne und in dem richtigen Grade abändern. Bei den verschiedenen Spezies unserer domestizierten Tiere wissen wir, dass die Teile in einer verschiedenen Weise und in verschiedenem Grade abändern, und dass manche Arten viel variabler sind als andere. Selbst wenn die passenden Varietäten aufträten, folgt daraus noch nicht, dass die natürliche Zuchtwahl auf sie einzuwirken und ein Gebilde hervorzubringen vermöchte, welches für die Spezies wohltätig wäre. Wenn z.B. die Zahl der in einer Gegend existierenden Individuen hauptsächlich durch die Zerstörung durch Raubtiere, durch äußere oder innere Parasiten u.s.w. bestimmt wird, wie es häufig der Fall zu sein scheint, dann wird die natürliche Zuchtwahl nur wenig zu tun im Stande sein oder wird bedeutend verzögert werden, wenn sie irgend ein besonderes Organ zur Erlangung der Nahrung modifizieren will. Endlich ist die natürliche Zuchtwahl ein langsamer Prozess und die nämlichen günstigen Bedingungen müssen lange andauern, damit irgend eine ausgesprochene Wirkung hervorgebracht werde. Ausgenommen durch Anführung derartiger allgemeiner und unbestimmter Ursachen können wir nicht erklären, warum nicht Huftiere in vielen Teilen der Erde einen verlängerten Hals oder andere Mittel die höheren Zweige der Bäume abzuweiden, erhalten haben.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.08.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright