Spezifische Charaktere sind veränderlicher als Gattungscharaktere


Das in dem vorigen Abschnitte erörterte Prinzip kann auch auf den vorliegenden Gegenstand angewendet werden. Es ist notorisch, dass die spezifischen mehr als die Gattungscharaktere abzuändern geneigt sind. Ich will an einem einfachen Beispiele zeigen, was ich meine. Wenn in einer großen Pflanzengattung einige Arten blaue Blüten und andere rote haben, so wird die Farbe nur ein Artcharakter sein und daher auch niemand überrascht werden, wenn eine blaublühende Art in Roth variiert oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben, so wird die Farbe zum Gattungscharakter, und ihre Veränderung würde schon eine ungewöhnliche Erscheinung sein. Ich habe gerade dieses Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher sonst beizubringen geneigt sein würden, darauf nicht anwendbar ist, dass nämlich spezifische Charaktere deshalb mehr als generische veränderlich erscheinen, weil sie von Teilen entlehnt sind, die eine geringere physiologische Wichtigkeit besitzen als diejenigen, welche gewöhnlich zur Charakterisierung der Gattungen dienen. Ich glaube zwar, dass diese Erklärung teilweise, indessen nur indirekt, richtig ist; ich werde jedoch auf diesen Punkt in dem Abschnitte über Klassifikation zurückkommen. Es dürfte fast überflüssig sein, Beispiele zur Unterstützung der obigen Behauptung anzuführen, dass gewöhnliche Artcharaktere veränderlicher sind als Gattungscharaktere; was aber die wichtigen Charaktere betrifft, so habe ich in naturhistorischen Werken wiederholt bemerkt, dass, wenn ein Schriftsteller durch die Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtiges Organ, welches sonst in einer ganzen großen Artengruppe beständig zu sein pflegt, in nahe verwandten Arten ansehnlich verschieden ist, dasselbe dann auch in den Individuen einer und derselben Art variabel ist. Diese Tatsache zeigt, dass ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werte ist, wenn er zu spezifischem Werte herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet auch auf Monstrositäten Anwendung: wenigstens scheint ISIDORE GEOFFROY SAINT-HILAIRE keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein Organ um so mehr individuellen Anomalien unterliege, je mehr es in den verschiedenen Arten derselben Gruppen normal verschieden ist.

Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, welche jede Art unablässig erschaffen worden sein lässt, zu erklären, dass derjenige Teil der Organisation, welcher von demselben Teile in anderen unabhängig erschaffenen Arten derselben Gattung verschieden ist, veränderlicher ist als die Teile, welche in den verschiedenen Arten einer Gattung nahe übereinstimmen? Ich sehe keine Möglichkeit ein, dies zu erklären. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur wohl unterschiedene und beständig gewordene Varietäten sind, so werden wir häufig auch zu finden erwarten dürfen, dass dieselben noch jetzt in den Teilen ihrer Organisation abzuändern fortfahren, welche erst in verhältnismäßig neuer Zeit variiert haben und dadurch verschieden geworden sind. Oder, um den Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle Arten einer Gattung einander gleichen und worin dieselben von verwandten Gattungen abweichen, heissen generische, und diese Merkmale zusammengenommen können der Vererbung von einem gemeinschaftlichen Stammvater zugeschrieben werden; denn nur selten kann es der Zufall gewollt haben, dass die natürliche Zuchtwahl verschiedene, mehr oder weniger abweichenden Lebensweisen angepasste Arten in genau derselben Weise modifiziert haben sollte; und da diese sogenannten generischen Charaktere schon aus der Zeit her vererbt worden sind, ehe und bevor sich die verschiedenen Arten von ihrer gemeinsamen Stammform abgezweigt haben, und da sie später nicht mehr variiert haben oder gar nicht oder nur in einem unerheblichen Grade verschieden geworden sind, so ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutigen Tages abändern. Andererseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von anderen Arten derselben Gattung unterscheiden, spezifische Charaktere; und da diese seit der Zeit der Abzweigung der Arten von der gemeinsamen Stammform variiert haben und verschieden geworden sind, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt oft einigermaßen veränderlich sind, wenigstens veränderlicher als diejenigen Teile der Organisation, welche während einer sehr viel längeren Zeit beständig geblieben sind.


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