Lass dir, daß Kindheit war


Lass dir, daß Kindheit war, diese namenlose

Treue der Himmlischen, nicht widerrufen vom Schicksal,

selbst den Gefangenen noch, der finster im Kerker verdirbt,

hat sie heimlich versorgt bis ans Ende. Denn zeitlos

hält sie das Herz. Selbst den Kranken,

wenn er starrt und versteht, und schon gibt ihm das Zimmer nicht mehr

Antwort, weil es ein heilbares ist —, heilbar

liegen seine Dinge um ihn, die fiebernden, mit-krank,

aber noch heilbar, um den Verlorenen —: ihm selbst

fruchtet die Kindheit. Reinlich

in der verfallnen Natur hält sie ihr herzliches Beet.

 

Nicht, daß sie harmlos sei. Der behübschende Irrtum,

der sie verschürzt und berüscht, hat nur vergänglich getäuscht.

Nicht ist sie sichrer als wir und niemals geschonter;

keiner der Göttlichen wiegt ihr Gewicht auf. Schutzlos

ist sie wie wir, wie Tiere im Winter, schutzlos.

Schutzloser: denn sie erkennt die Verstecke nicht. Schutzlos,

so als wäre sie selber das Drohende. Schutzlos

wie ein Brand, wie ein Ries', wie ein Gift, wie was umgeht

nachts, im verdächtigen Haus, bei verriegelter Tür.

 

Denn wer begriffe nicht, daß die Hände der Hütung

lügen, die schützenden —, selber gefährdet. Wer darf denn?

Ich!

    — Welches Ich ?

          Ich, Mutter, ich darf. Ich war Vor-Welt.

Mir hats die Erde vertraut, wie sie's treibt mit dem Keim,

daß er heil sei. Abende, o, des Vertrauens, wir regneten beide,

still und aprilen, die Erde und ich, in den Schooß uns.

Männlicher! ach, wer beweist dir die trächtige Eintracht,

die wir uns fühlten. Dir wird die Stille im Weltall

niemals verkündet, wie sie sich schließt um ein Wachstum. —

Großmut der Mütter. Stimme der Stillenden. Dennoch!

Was du da nennst, das ist die Gefahr,die ganze

reine Gefährdung der Welt —, und so schlägt sie in Schutz um,

wie du sie völlig erfühlst. Das innige Kindsein

steht wie die Mitte in ihr. Sie aus-fürchtend, furchtlos.

Aber die Angst! Sie erlernt sich auf einmal im Abschluß,

den das Menschliche schafft, das undichte. Zugluft,

zuckt sie herein durch die Fugen. Da ist sie. Vom Rücken

huscht sie es an überm Spielen, das Kind, und zischelt

Zwietracht ins Blut —, die raschen Verdachte, es würde

immer ein Teil nur, später, ergreiflich sein, immer

irgendein Stück, fünf Stücke, nicht einmal

alle verbindbar, des Daseins, und alle zerbrechlich.

Und schon spaltet sie an, im Rückgrat, des Willens

Gerte, daß sie gegabelt, ein zweifelnder Ast am

Judas-Baume der Auswahl, wachsend verholze.

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 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 05:05:15 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.08.2005 
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