Veränderung

Veränderung (lat. mutatio, gr. alloiôsis) nennt man den Wandel der Qualität oder der Form eines Dinges bei dem Beharren seiner Substanz- Die Veränderung kommt darin zum Ausdruck, daß an demselben Ort im Raum, an demselben Objekte jetzt ein Zustand und darauf ein anderer, und zu einer und derselben bestimmten Zeit hier dieser Zustand und dort jener ist. Jede wahrnehmbare Veränderung hat eine Menge kleiner, unscheinbarer Veränderungen zur Voraussetzung, bevor sie in Erscheinung tritt. Die Eleaten leugneten die Veränderung überhaupt; das wahrhaft Seiende könne nicht werden, sei ohne Bewegung und Veränderung, den ganzen Raum erfüllend. Herakleitos (um 600 v. Chr.) dagegen behauptete, daß alles Wirkliche sich in beständigem Flusse befände (panta rhei). Platon (427-347) verband die Lehre der Eleaten und des Herakleitos, indem er die Ideen für ewig und unveränderlich ansah, der Natur aber fortwährende Veränderung zuschrieb. Aristoteles (384-322) sah in der Veränderung eine Art der Bewegung, also eine Art der Verwirklichung des Möglichen, und zwar war ihm die Veränderung die qualitative Bewegung (kinêsis kata to poion De cael. I, 3, p. 270a 27. Phys. VIII, 7, p. 260a 27 kinêsis kata pathos). Jede Veränderung entsteht durch das Zusammentreffen eines Wirkendenden und Leidenden (Phys. III, 3, p. 202b 25), setzt aber eine Ortsbewegung voraus (Phys. VIII, 7, p. 260b 1 ff.). Nach Kants (1724-1804) Erklärung bringt das Zugleichsein des Stehenden in der Zeit mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervor (Kr. d. r. V., II. Aufl., Vorrede, S. XLI). »Veränderung ist eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren ebendesselben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen: nur das Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören und andere anheben. Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergänge aus einem Zustande in den ändern, und von Nichtsein zum Sein möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was bleibt, empirisch werden können« (Kr. d. r. V., S. 187-188). Herbart (1776 bis 1841) versuchte im Anschluß an die eleatische Lehre aus den Widersprüchen im Begriff der Veränderung (einzelne Merkmale beharren, andere wechseln) nachzuweisen, daß es im Seienden keinen inneren Wechsel gebe, weil ursprüngliche Selbstbestimmung und absolutes Werden unmöglich sei, daß es aber auch keinen abgeleiteten Wechsel geben würde, insofern die Einwirkung von Ursachen' nur unter der Voraussetzung einer ursprünglich nach außen gerichteten Tätigkeit erfolgen könnte. Dann aber würde es gar keinen Wechsel geben, was der Erfahrung widerspricht. Daher sucht Herbart ihn ohne eine ursprünglich nach außen gerichtete und ohne eine ursprünglich innere Tätigkeit zu erklären, nämlich durch die Theorie der Selbsterhaltungen, welche zwischen den Realen stattfinden und das einzige wirkliche Geschehen ausmachen sollen. Vgl. Herbart, Allg. Metaphys. 1828.


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