Der feste Ruf


296.

Der feste Ruf. — Der feste Ruf war ehedem eine Sache der äußersten Nützlichkeit; und wo nur immer die Gesellschaft noch vom Herden-Instinkt beherrscht wird, ist es auch jetzt noch für jeden Einzelnen am zweckmäßigsten, seinen Charakter und seine Beschäftigung als unveränderlich zu geben, — selbst wenn sie es im Grunde nicht sind. "Man kann sich auf ihn verlassen, er bleibt sich gleich": — das ist in allen gefährlichen Lagen der Gesellschaft das Lob, welches am meisten zu bedeuten hat. Die Gesellschaft fühlt mit Genugthuung, ein zuverlässiges, jederzeit bereites Werkzeug in der Tugend Dieses, in dem Ehrgeize jenes, in dem Nachdenken und der Leidenschaft des Dritten zu haben, — sie ehrt diese Werkzeug-Natur, dies Sich-Treubleiben, diese Unwandelbarkeit in Ansichten, Bestrebungen, und selbst in Untugenden, mit ihren höchsten Ehren. Eine solche Schätzung, welche überall zugleich mit der Sittlichkeit der Sitte blüht und geblüht hat, erzieht "Charaktere" und bringt alles Wechseln, Umlernen, Sich-Verwandeln in Verruf. Dies ist nun jedenfalls, mag sonst der Vorteil dieser Denkweise noch so groß sein, für die Erkenntnis die allerschädlichste Art des allgemeinen Urteils: denn gerade der gute Wille des Erkennenden, unverzagt sich jederzeit gegen seine bisherige Meinung zu erklären und überhaupt in Bezug auf Alles, was in uns fest werden will, misstrauisch zu sein, — ist hier verurteilt und in Verruf gebracht. Die Gesinnung des Erkennenden als im Widerspruch mit dem "festen Rufe" gilt als unehrenhaft, während die Versteinerung der Ansichten alle Ehre für sich hat: — unter dem Banne solcher Geltung müssen wir heute noch leben! Wie schwer lebt es sich, wenn man das Urteil vieler Jahrtausende gegen sich und um sich fühlt! Es ist wahrscheinlich, dass viele Jahrtausende die Erkenntnis mit dem schlechten Gewissen behaftet war, und dass viel Selbstverachtung und geheimes Elend in der Geschichte der größten Geister gewesen sein muss.



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