Unbedingte Pflichten


5.

Unbedingte Pflichten. — Alle Menschen, welche fühlen, dass sie die stärksten Worte und Klänge, die beredtesten Gebärden und Stellungen nötig haben, um überhaupt zu wirken, Revolutions-Politiker, Sozialisten, Bussprediger mit und ohne Christentum, bei denen allen es keine halben Erfolge geben darf: alle diese reden von "Pflichten", und zwar immer von Pflichten mit dem Charakter des Unbedingten — ohne solche hätten sie kein Recht zu ihrem großen Pathos: das wissen sie recht wohl! So greifen sie nach Philosophieen der Moral, welche irgend einen kategorischen Imperativ predigen, oder sie nehmen ein gutes Stück Religion in sich hinein, wie dies zum Beispiel Mazzini getan hat. Weil sie wollen, dass ihnen unbedingt vertraut werde, haben sie zuerst nötig, dass sie sich selber unbedingt vertrauen, auf Grund irgend eines letzten indiscutabeln und an sich erhabenen Gebotes, als dessen Diener und Werkzeuge sie sich fühlen und ausgeben möchten. Hier haben wir die natürlichsten und meistens sehr einflussreichen Gegner der moralischen Aufklärung und Skepsis: aber sie sind selten. Dagegen gibt es eine sehr umfängliche Klasse dieser Gegner überall dort, wo das Interesse die Unterwerfung lehrt, während Ruf und Ehre die Unterwerfung zu verbieten scheinen. Wer sich entwürdigt fühlt bei dem Gedanken, das Werkzeug eines Fürsten oder einer Partei und Sekte oder gar einer Geldmacht zu sein, zum Beispiel als Abkömmling einer alten, stolzen Familie, aber eben dies Werkzeug sein will oder sein muss, vor sich und vor der Öffentlichkeit, der hat pathetische Prinzipien nötig, die man jederzeit in den Mund nehmen kann: — Prinzipien eines unbedingten Sollens, welchen man sich ohne Beschämung unterwerfen und unterworfen zeigen darf. Alle feinere Servilität hält am kategorischen Imperativ fest und ist der Todfeind Derer, welche der Pflicht den unbedingten Charakter nehmen wollen: so fordert es von ihnen der Anstand, und nicht nur der Anstand.


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