Die Großmütigkeit des Denkers


459.

Die Großmütigkeit des Denkers. — Rousseau und Schopenhauer — Beide waren stolz genug, ihrem Dasein den Wahlspruch aufzuschreiben: vitam impendere vero. Und Beide wiederum — was mögen sie in ihrem Stolze gelitten haben, dass es ihnen nicht gelingen wollte, verum impendere vitae! — Verum, wie es jeder von ihnen verstand —, dass ihr Leben neben ihrer Erkenntnis nebenher lief wie ein launischer Bass, der zur Melodie nicht stimmen will! — Aber es stünde schlimm um die Erkenntnis, wenn sie jedem Denker nur in dem Maße zugemessen würde, als sie ihm gerade auf den Leib passt! Und es stünde schlimm um die Denker, wenn ihre Eitelkeit so groß wäre, dass sie dies allein ertrügen! Gerade darin glänzt die schönste Tugend des großen Denkers: die Großmütigkeit, dass er als Erkennender sich selber und sein Leben unverzagt, oftmals beschämt, oftmals mit erhabenem Spotte und lächelnd — zum Opfer bringt.


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Seite zuletzt aktualisiert: 27.06.2005 
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