Das Glück im Mitleiden


136.

Das Glück im Mitleiden. — Wenn man, wie die Inder, als Ziel der ganzen intellektuellen Tätigkeit die Erkenntnis des menschlichen Elendes aufstellt und durch viele Geschlechter des Geistes hindurch einem solchen entsetzlichen Vorsatze treu bleibt: so bekommt endlich, im Auge solcher Menschen des erblichen Pessimismus, das Mitleiden einen neuen Wert, als lebenerhaltende Macht, um das Dasein doch auszuhalten, ob es gleich wert erscheint, vor Ekel und Grausen weggeworfen zu werden. Mitleiden wird das Gegenmittel gegen den Selbstmord, als eine Empfindung, welche Lust enthält und Überlegenheit in kleinen Dosen zu kosten gibt: es zieht von uns ab, macht das Herz voll, verscheucht die Furcht und die Erstarrung, regt zu Worten, Klagen und Handlungen an, — es ist verhältnismäßig ein Glück, gemessen am Elende der Erkenntnis, welche das Individuum von allen Seiten in die Enge und Dunkelheit treibt und ihm den Atem nimmt. Glück aber, welches es auch sei, gibt Luft, Licht und freie Bewegung.


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