Passion


1. Fassung

 

Wenn silbern Orpheus die Laute rührt,

Beklagend ein Totes im Abendgarten -

Wer bist du Ruhendes unter hohen Bäumen?

Es rauscht die Klage das herbstliche Rohr,

Der blaue Teich.

 

Weh, der schmalen Gestalt des Knaben,

Die purpurn erglüht,

Schmerzlicher Mutter, in blauem Mantel

Verhüllend ihre heilige Schmach.

 

Weh, des Geborenen, daß er stürbe,

Eh er die glühende Frucht,

Die bittere der Schuld genossen.

 

Wen weinst du unter dämmernden Bäumen?

Die Schwester, dunkle Liebe

Eines wilden Geschlechts,

Dem auf goldenen Rädern der Tag davonrauscht.

 

O, daß frömmer die Nacht käme,

Kristus.

 

Was schweigst du unter schwarzen Bäumen?

Den Sternenfrost des Winters,

Gottes Geburt

Und die Hirten an der Krippe von Stroh.

 

Blaue Monde

Versanken die Augen des Blinden, in härener Höhle.

Ein Leichnam suchest du unter grünenden Bäumen

Deine Braut,

Die silberne Rose

Schwebend über dem nächtlichen Hügel.

 

Wandelnd an den schwarzen Ufern

Des Todes,

Purpurn erblüht im Herzen die Höllenblume.

 

Über seufzende Wasser geneigt

Sieh dein Gemahl: Antlitz starrend von Aussatz

Und ihr Haar flattert wild in der Nacht.

 

Zwei Wölfe im finsteren Wald

Mischten wir unser Blut in steinerner Umarmung

Und die Sterne unseres Geschlechts fielen auf uns.

 

O, der Stachel des Todes.

Verblichene schauen wir uns am Kreuzweg

Und in silbernen Augen

Spiegeln sich die schwarzen Schatten unserer Wildnis,

Gräßliches Lachen, das unsere Münder zerbrach.

 

Dornige Stufen sinken ins Dunkel,

Daß röter von kühlen Füßen

Das Blut hinströme auf den steinigen Acker.

 

Auf purpurner Flut

Schaukelt wachend die silberne Schläferin.

 

Jener aber ward ein schneeiger Baum

Am Beinerhügel,

Ein Wild äugend aus eiternder Wunde,

Wieder ein schweigender Stein.

 

O, die sanfte Sternenstuiide

Dieser kristallnen Ruh,

Da in dorniger Kammer

Das aussätzige Antlitz von dir fiel.

 

Nächtlich tönt der Seele einsames Saitenspiel

Dunkler Verzückung

Voll zu den silbernen Füßen der Büßerin

Im verlorenen Garten;

Und an dorniger Hecke knospet der blaue Frühling.

 

Unter dunklen Olivenbäumen

Tritt der rosige Engel

Des Morgens aus dem Grab der Liebenden.


 © textlog.de 2004 • 21.11.2017 11:17:23 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright