VI. Wortkunst


Das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit wird, wenn wir die Stelle richtig verstehen (die ich nach Deussen, Gesch. d. Phil. I, 118, gebe), im Rigveda schön und tief empfunden. Nur die Wissenden kennen alle vier Viertel der Rede. "Drei bleiben im Verborgenen unbewegt; der vierte Teil ist, was die Menschen reden. . . . Vielfach benennen, was nur eins, die Dichter".

Um es schlagend zu sehen, wie wenig die Sprache als Erkenntnis Werkzeug und wie viel sie als Kunstmittel vermag, vergleiche man einmal eine beliebige Dichtung von Goethe mit einem ebenso beliebigen Satze seiner wissenschaftlichen Abhandlungen.

 

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz

 

Hier ist kein Begriff, der nicht "außer dem Zusammenhang" oder in einem rein belehrenden Satzgefüge verschiedene Erklärungen oder Definitionen zuließe.

Man achte wohl darauf, daß nicht nur die wenigen Zufallsworte, die die Grammatik anführt (als: Bauer, weiß), mehrdeutig sind, daß vielmehr jeder Begriff, jedes Wort jeder menschlichen Sprache ein Erinnerungszeichen an schwebende, ungleiche, benachbarte Vorstellungen ist, daß also jedes Wort "außer dem Zusammenhang" mehrdeutig ist. Man achte wohl darauf, um meine Bemerkungen nicht für eine Schikane anzusehen.


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