Einleitung. Der Pope


"Im Anfang war das Wort." Mit dem Worte stehen die  Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben stehen, wenn sie beim Worte bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkarbeit eines ganzen Lebens weiter bringen kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von der Tyrannei der Sprache zu erlösen versuchen.

Da hilft aber keine Einsicht, da hilft kein sprachkritischer Atheismus. In der Luft ist kein Halt. Auf Stufen muß man emporsteigen und jede Stufe ist ein neuer Trug, weil sie nicht frei schwebt. Auf jeder Stufe, und wäre sie noch so niedrig, und hielte sich der Emporstrebende noch so flüchtig bei ihr auf, berührte er sie auch nur mit seinen Zehenspitzen: im Augenblicke der Berührung schwebt auch er nicht frei, ist auch er gefesselt an die Sprache dieses Augenblicks, dieser Stufe. Und hätte er sich auch Stufe und Sprache für diesen Augenblick selbst gebaut.

Es war also in der jahrelangen Arbeit jedesmal Selbsttäuschung, wenn er, der die Erlösung von der Sprache auf sich nehmen wollte, das Werk in einem regelrechten, stufengerechten Werke zu vollbringen hoffte. Der ist kein freier Mann, der sich noch einen Atheisten nennt, einen Gegner dessen, den er leugnet. Der kann das Werk der Befreiung von der Sprache nicht vollbringen, der mit Worthunger, mit Wortliebe und mit Worteitelkeit ein Buch zu schreiben ausgeht in der Sprache von gestern oder von heute oder von morgen, in der erstarrten Sprache einer bestimmten festen Stufe. Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir und in mir vernichten von Schritt zu Schritt, so muß ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich sie betrete. Wer folgen will, der zimmere die Sprossen wieder, um sie abermals zu zertrümmern.

In dieser Einsicht liegt der Verzicht auf die Selbsttäuschung, ein Buch zu schreiben gegen die Sprache in einer starren Sprache. Weil die Sprache lebendig ist, so bleibt sie nicht unverändert vom Anfang eines Satzes bis zu seinem Ende. "Im Anfang war das Wort"; da, beim Aussprechen des fünften Wortes, verwandelt schon das erste Wort "im Anfang" seinen Sinn.

So mußte der Entschluß reifen, diese Bruchstücke entweder als Bruchstücke zu veröffentlichen öder das Ganze dem radikalsten Erlöser zu überantworten, dem Feuer. Das Feuer hätte die Euhe gebracht. Der Mensch jedoch, solange er lebt, ist wie die lebendige Sprache und glaubt, er habe etwas zu sagen, weil er spricht.

Was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.

Es war einmal ein Pope, der war Pope genug, um Wanzen in seinem Bette zu haben, und Freigeist genug, um seine Wanzen als etwas Häßliches oder doch Fremdes zu empfinden. Umsonst wandte er nacheinander hundert Mittel an, seine Wanzen zu vernichten. Eines Tages aber brachte er aus der großen Stadt, wo die Universität ist, ein. Pulver mit, welches ihn untrüglich befreien sollte. Er streute es aus und legte sich hin. Am anderen Morgen waren alle Wanzen tot, aber auch der Pope war tot. Was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.

Mehr als einmal bin ich daran gegangen, diese alte und wahre Geschichte zu einer Satire gegen die Poperei aller Völker umzugestalten. Jedesmal schreckte mich der Gedanke zurück, daß die Satire nicht nur die Kirchen, sondern auch die Philosophien treffen könnte, keine Philosophie so traurig wie eine, die sich vermißt, die Welt von der Sprache zu erlösen und das mit armen Worten.

In dieser lachenden Stunde des Entschlusses und des Endes, die eben zertrümmerte Sprosse berührend, auf welcher ich befreit bin von Worthunger, von Wortliebe und von Worteitelkeit, richte ich die Spitze ruhig gegen mich selbst und sage bereit: was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 00:46:16 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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